Bettgeflüster mit Nixe – Im Pop-up-Hotel des Künstlers Tatzu Nishi in Helsinki

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Die Havis Amanda ragt aus der Besucherritze. Zu ihren Füßen liegt der Künstler Tatzu Nishi. | © Juuso Westerlund

Ein Künstler hat Helsinkis berühmteste Statue in eine Hotelinstallation verwandelt. Jessica Braun übernachtete darin, tat aber kaum ein Auge zu.

Dass der Lachs unter dem Bett hervorschaut, gefällt Tatzu Nishi nicht. Die bronzene Fischplastik ragt mit dem Maul in den Raum, ihre Augen stieren. Ein größerer Bettrahmen soll her, um das Tier zu verstecken. Der Fisch, befürchtet Nishi, könnte sonst von der Havis Amanda ablenken. Und das darf er auf keinen Fall: Die Nymphenstatue aus Bronze soll bei Nishis Hotelinstallation im Mittelpunkt stehen.

Die Havis Amanda, von den Finnen auch Manta genannt, ist eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Helsinkis. Sie thront als Brunnenfigur auf dem Kauppatori, dem Marktplatz am Hafen – eine 2,05 Meter große, nackte Frau mit üppigen Hüften und dem Gesicht eines sehr jungen Mädchens. Zu ihren Füßen winden sich Lachse, und vier Seehunde speien Wasser, während ringsum im Sommer Rentierfelle und Blumen verkauft werden, Kreuzfahrtschiffe ankommen und Ausflugsboote ablegen.

Nun hat der japanische Künstler Tatzu Nishi ein temporäres Hotel um die Statue bauen lassen. Arbeiter errichteten über dem Brunnen eine mehr als drei Meter hohe Plattform auf Stelzen. Eine massive Bühne aus Pinienbalken mit der Havis Amanda als einsamer Hauptdarstellerin. Dann wurde ein Containerhaus aus Spanplatten über die Plattform samt Manta gestülpt. Mehr als 20.000 Kilogramm wiegt der schwarze Klotz, zu dessen Eingangstür eine ebenfalls schwarz gestrichene Treppe hinaufführt. Ein Fremdkörper vor dem stuckverzierten hellblauen Rathaus und den Glaskuppeln des Jugendstilrestaurants Kappeli. Auf dem Dach des Containers leuchtet eine Neonschrift in der Abendsonne: Hotel Manta.

Bis Mitte Oktober kann man die Installation tagsüber besichtigen und nachts für 130 Euro darin wohnen. Ich darf bereits vor der Eröffnung einmal hier übernachten – auf Augenhöhe mit dem Wahrzeichen Helsinkis. Es ist ein seltenes Privileg, ein so prominentes Kunstwerk für sich allein zu haben. Aber auch ein seltsames.

Tatzu Nishi eilt gerade emsig herein und heraus, verleiht seinem Werk den letzten Schliff. Dabei sieht der 63 Quadratmeter große Raum schon ziemlich vollständig aus: Die Havis Amanda steht mitten im Bett, ragt aus der Besucherritze. Die Lachse zu ihren Füßen sind unter der Matratze verborgen – bis auf den einen, den Nishi noch verschwinden lassen will. Die Wände ringsum sind tapeziert, auf dem Boden liegt Parkett, die Möbel sind birkenholzhell und dezent gemustert: Sitzgruppe, Schreibtisch, Lampen, Nachttische – fast alles stammt von der finnischen Designfirma Artek, die vor allem Entwürfe ihrer Gründer Alvar und Aino Aalto verkauft. Zum Hotelzimmer gehört außerdem ein Eingangsbereich mit Rezeptionstresen, der heute noch nicht besetzt ist. Und ein Duschbad, auf dessen Bodenkacheln Nishis Name prangt.

Der Künstler kommt herein, einen Lammfellteppich unter dem Arm. Er sei erst vor wenigen Tagen angereist, erzählt er. Zuvor war er in Sankt Petersburg. Für die Manifesta 10 hat er unter der Decke der Eremitage eine Empore auf Stelzen eingezogen. Wer die Treppe zu ihr hinaufstieg, fand sich oben in einem russischen Wohnzimmer wieder. Der Kronleuchter des Museums hing über dem Sofa. Stressig sei das Projekt gewesen, sagt Nishi: „Russland ist ein konservatives Land und die Eremitage eine Art Heiligtum.“

Der 54-jährige Japaner kam 1987 für ein Auslandsjahr nach Deutschland, weil er sich mit der europäischen Kunstgeschichte vertraut machen wollte. Er blieb, um in Münster zu studieren. Seither arbeitet er fast ausschließlich im öffentlichen Raum, integriert immer wieder Statuen in seine Werke: große Denker, historische Reiterstandbilder, strenge Königinnen. „Statuen dieser Art gibt es in Japan nicht“, erklärt er seine Faszination. Umso mehr wundert es ihn, dass manche Denkmäler in Europa gar nicht mehr als Kunstwerke wahrgenommen werden: „Die Passanten sehen nicht einmal hin!“ Nishi macht Standbilder zum Mittelpunkt seiner Installationen: Er baut ihnen Wohn- oder Hotelzimmer; gruppiert dann Sofas und Stehlampen um sie herum, lässt sie aus Schränken lugen oder durch Bettlaken reiten. Das Öffentliche bekommt so den Anschein des Privaten. Und der Betrachter eine neue Sicht auf vermeintlich Bekanntes.

Ein Klopfen unterbricht unser Gespräch. Zimmerservice. Eine Hausdame des Traditionshotels Seurahuone und ihre Assistentin treten ein, um zum ersten Mal das Bett zu richten. Nishi schlendert um sie herum. Beobachtet, wie sie die Decken falten. Als sie wieder gehen, verabschiedet auch er sich. „Schöne Träume“, wünscht er noch.

Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen ist, stehe ich unschlüssig im Zimmer. Ich weiß noch nicht recht, wo mein Platz in diesem Gesamtkunstwerk ist. Jetzt wäre es schön, einen Pagen an der Seite zu haben. Jemanden, der mit Schwung die Vorhänge aufzieht (sie sind schon offen), die Aussicht preist (durch riesige Panoramafenster sieht man bis zur Insel Valkosaari) und mein Gepäck an den vorgesehenen Platz stellt (wo mag der sein?). Ich schiebe meinen Koffer unter eine Bank. Vorsichtig, um nichts zu zerkratzen. Herumstehen lassen will ich ihn nicht. Es geht hier schließlich um eine Gesamtkomposition: Tatzu Nishi hat Stunden damit verbracht, jedem Einrichtungsstück seinen Platz zuzuweisen. Und er hat sich die Positionen – selbst die des Bettvorlegers aus tibetischem Lammfell – haarklein notiert.

Gegen Schaden schützt diese Akribie seine Installationen allerdings nicht. In sein Hôtel Nantes, das er um einen Brunnen in der gleichnamigen Stadt errichten ließ, wurde eingebrochen. Die Diebe nahmen die Möbel mit. In Aachen lud ein Gast sämtliche Freunde in das Hotel Continental ein, dessen Mittelpunkt Gerhard Marcks’ Statue Der fröhliche Hengst bildete. Das Standbild überlebte die Party unversehrt. Doch der Teppich der Installation musste anschließend ausgetauscht werden. Und Nishi ist bis heute froh, dass sie unter der Last der rund 70 Besucher nicht zusammenbrach.

Die Manta und ich, wir werden heute Nacht keinen draufmachen. Dabei ist sie ein Partyluder. Man erkennt es an den blonden Strähnen in ihrem grünen Haar. Konservatoren des Kunstmuseums haben herausgefunden, dass die hellen Stellen von Champagnerduschen stammen: Am ersten Mai, der hierzulande Vappu heißt, feiern die Finnen das Fest des Frühlings, der Studenten und Arbeiter. In den Städten beginnt die Party aber schon am Vortag. So auch in Helsinki: Dort versammeln sich Tausende Menschen auf dem Marktplatz, um zuzusehen, wie Studenten der Havis Amanda eine weiße Kappe auf den Kopf setzen – die typische Studentenmütze. Dann Applaus. Korken knallen. Champagner spritzt. Weil der festliche Akt einmal zu oft im Exzess endete, verlegte die Stadt die Zeremonie 1978 von Mitternacht auf den frühen Abend. Seit 1990 ist es außerdem untersagt, das Standbild zu erklimmen.

Diese Regel gilt auch im Hotel Manta: „Bitte beachten Sie, dass das Klettern oder Hängen an der Statue verboten ist“, stand auf der Buchungs-Website. Zudem dürfe nichts an der Dame befestigt werden. Und: „Von eigenhändigen Reinigungsmaßnahmen ist abzusehen.“ Das Bedürfnis, auf der Havis Amanda herumzuklettern, hätte ich höchstens im Vollrausch. Und meine Handtasche kann ich gerne woanders aufhängen. Aber unter Vogeldreck zu schlafen, das wäre mir unangenehm. Ich mustere die Manta, ob sie eine Reinigung nötig hätte. Zum Glück wurde sie offenbar gründlich gesäubert, sie hat nur Patina.

Ich sollte sie wohl nicht so anstarren. Ein wenig Höflichkeit ist angebracht. Wir sind zwei Fremde, die für eine Nacht ein Hotelzimmer teilen. Dass sie kein Auge zumacht, ist sicher. Wie es mir wohl ergehen wird? Etwas Respekt einflößend wirkt sie schon, die finnische Venus. Aber nicht so einschüchternd wie andere Statuen. Sie sei eine Meerjungfrau, die ihr Element verlässt, schrieb einmal der Bildhauer Ville Vallgren, der sie 1905 geschaffen hat. Ein Symbol für die im Aufbruch begriffene Stadt Helsinki. Eine Meerjungfrau finde ich eigentlich ganz sympathisch, sie ist nicht nationalistisch. Sie will kein Land beherrschen, niemanden unterjochen, hat nie Krieg geführt. Außerdem tut mir die Havis Amanda auch ein wenig leid, denn sie hatte es nicht immer einfach: Als sie in Helsinki ankam, wollten die Einheimischen sie erst gar nicht haben. Sie sei zu dick, war in der Presse zu lesen. Und die frisch formierten Suffragetten schimpften: Statt Frauen und Kinder vor Unmoral zu schützen, hätten die Stadtväter dieser nun ein Denkmal gesetzt. Es war der erste große, öffentliche Kunstdiskurs in Helsinki.

Heute ist die Havis Amanda so beliebt, dass manche Einwohner erboste Leserbriefe an die Zeitungen schrieben, weil die Statue nachts nun nur zahlenden Gästen gehört. Und das Hotel Manta zieht viele Schaulustige an: Gern würde ich mich aufs Sofa fläzen, um das mitgebrachte Bier zu trinken. Doch vor dem zwei Meter hohen und mehr als vier Meter breiten Fenster zum Hafen haben sich Menschen versammelt. Sie winken fröhlich zu mir hoch, fotografieren. Mein Mädchen kennt das schon. Sie posiert mit den Füßen in den weißen Wogen der Bettwäsche und lächelt huldvoll über ihre Schulter. Mir ist das Gefühl, eine Sehenswürdigkeit zu sein, noch fremd. Natürlich könnte ich die Zuschauer aussperren, indem ich die Vorhänge zuziehe. Aber verändere ich dann nicht das Wesen des Kunstwerks?

Der Mond klettert den Himmel empor über dem festlich beleuchteten Skywheel, einem Riesenrad am Hafen. Ein toller Anblick. Die Vorhänge bleiben offen; stattdessen lösche ich alle Lampen. Das öffentliche Interesse versiegt.

Ich gehe ins Bad und ziehe mir den Pyjama an. Zurück im dunklen Zimmer dann ein Schreckensmoment: Da steht jemand! Ach ja, seit über 100 Jahren schon. Ich lege mich ins Bett. Schaue nach oben. Ein Superhintern hängt über mir. Die Manta scheint nach vorne und links zu kippen. Meine Internetrecherche per Handy ergibt, dass Menschen eher selten von Statuen erschlagen werden. Ich schließe die Augen. Die Straßenbahn rumpelt eine Runde um den Platz. Das Bett wackelt, die Nachttischlampen vibrieren. Irgendwann schlafe ich doch noch ein.

Am Morgen klopfen Regentropfen aufs Dach und wecken mich. Draußen trommelt, grollt und rauscht es. Düsteres Licht dringt durch gewitterschwere Wolken ins Zimmer. Der Horizont ist verschwunden. Wasser läuft in silbernen Bahnen am Fenster herunter. Für einen magischen Moment ist es, als wären die Manta und ich zurück in ihrer Heimat. Weit draußen im Meer. Und als gäbe es außer uns niemanden mehr auf der Welt.

Dann schiebt sich die weiße Silhouette eines Schiffes ins Bild. Die Club Med 2, ein Kreuzfahrtriese, fährt in den Hafen ein. Zeit, aufzustehen. Die nächste Nacht mit der Havis Amanda gehört irgendjemand anderem. Ich will lieber gar nicht wissen, wem.

Jessica Braun für DIE ZEIT am 11. September 2014

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