Ohne Geld um die Welt – Ein Gespräch mit dem Fotografen Shantanu Starick

Der Fotograf Shantanu Starick  |  © Shantanu Starick

Der Fotograf Shantanu Starick | © Shantanu Starick

Seit zwei Jahren ist der australische Fotograf Shantanu Starick auf Reisen – und gibt keinen Cent dabei aus. Ein Gespräch über lauter Tauschgeschäfte.

DIE ZEIT: Hört sich an wie ein Traum: Sie reisen ohne Geld um die Welt. Wie stellen Sie das an?

Shantanu Starick: Ich bin Fotograf. Menschen buchen mich, weil sie Fotos von mir haben möchten. Das können Porträts sein, Hochzeitsfotos, Bilder für ein Start-up, ein Kochbuch oder ihre Webseite. Als Gegenleistung sorgen sie für mein materielles Wohl.

ZEIT: Und das funktioniert?

Starick: Immerhin schon seit über 28 Monaten. Mittlerweile melden sich so viele Leute bei mir, dass ich meine Reisen bis zu zwei Monate im Voraus planen kann.

ZEIT: Warum lassen Sie sich für Ihre Arbeit nicht einfach bezahlen?

Starick: Weil genau das mein Projekt ist. „The Pixel Trade“ begann 2012. Damals studierte ich noch Architektur und verdiente nebenbei ganz gut mit Architekturfotografie. Ich wollte mich aber mehr aufs Fotografieren konzentrieren und etwas von der Welt sehen – allerdings ohne erst lange sparen zu müssen. Also fasste ich den Plan, eine Zeit lang ohne Geld zu leben und zu reisen. Um dem Ganzen einen Rahmen zu geben, habe ich Regeln aufgestellt, an die ich mich seitdem strikt halte.

ZEIT: Wie lauten diese Regeln?

Starick: Ich will alle sieben Kontinente bereisen, ohne Geld auszugeben. Meine Tauschpartner übernehmen die Verantwortung dafür, dass ich von A nach B komme. Sie müssen dafür sorgen, dass ich genug zu essen und zu trinken habe und einen Platz, an dem ich schlafen kann. Im Austausch dafür arbeite ich für sie.

ZEIT: Andere Studenten machen in den Semesterferien einfach Work and Travel – sie reisen und jobben unterwegs hier und da. Warum haben Sie ein so viel komplizierteres Konzept gewählt?

Starick: Sieben Kontinente bereisen, indem man fotografiert und damit das nötige Geld verdient: Das haben schon viele vor mir gemacht. Soll ich mit all denen konkurrieren? Ich wollte mein eigenes Konzept haben. Und dass die Leute sich für mich entscheiden, weil sie meine Arbeit mögen. Nicht, weil mein Tagessatz 5.000 Dollar beträgt und sie das beeindruckend finden.

ZEIT: Was spricht gegen hohe Tagessätze?

Starick: Überhaupt nichts. Auch wenn das viele Leute annehmen, ist mein Projekt keine Rebellion gegen das Wirtschaftssystem. Geld ist eine feine Sache. Aber ich glaube, dass persönliche Beziehungen auf der Strecke bleiben, wenn wir Geld zu viel Bedeutung beimessen.

ZEIT: Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Starick: Ich habe mein Auto verkauft und meine Sachen bei meinen Eltern eingelagert. Anschließend bin ich shoppen gegangen. Ich war in Sorge, dass mir unterwegs etwas fehlen könnte. Ein Objektiv zum Beispiel oder eine Regenjacke. Da wusste ich ja noch nicht, wie viele Tauschpartner ich finden und was diese mir anbieten würden.

ZEIT: Wer war dann Ihr erster Tauschpartner?

Starick: Ein befreundetes Paar aus England, das gerade nach Australien gezogen war. Sie ist Musikerin und brauchte Fotos, um ihre Musik zu promoten. Das Problem war, dass die beiden kaum jemanden kannten und nicht wussten, wohin sie mich als Nächstes schicken sollten. Es hat sich dann jemand aus meinem Freundeskreis gefunden.

ZEIT: Wie lernen Sie inzwischen Ihre Gastgeber kennen?

Starick: Vor allem über meine Website thepixeltrade.com. Dort findet man Informationen über mich und darüber, wohin ich als Nächstes reisen werde. Und man kann sich die Fotos anschauen, die ich für meine bisherigen Gastgeber gemacht habe. Die Homepage erzählt die Geschichte meiner Reise. Ich hoffe, dass potenzielle Tauschpartner so ein Gefühl dafür bekommen, wer ich bin. Vertrauen ist wichtig, wenn man sich einen Fremden ins Haus holt.

ZEIT: Die Menschen auf deiner Website wirken alle sympathisch und fröhlich. Sie wohnen an tollen Orten, haben interessante Jobs …

Starick: Ich veröffentliche natürlich nur die Bilder, mit denen alle zufrieden sind. Die Webseite ist schließlich mein Aushängeschild.

ZEIT: Laden manche Leute Sie auch ein, weil sie selbst Teil des Fotoprojekts werden wollen?

Starick: Das kann durchaus sein. Aber ich glaube, im Grunde geht es bei Pixel Trade um etwas anderes. Als ich mir das Projekt ausdachte, meinte ich noch, dass die Reisen und die Fotos im Mittelpunkt stehen würden. Erst nach und nach wurde mir klar, dass ich mich in Wirklichkeit auf ein mehrjähriges anthropologisches Experiment eingelassen hatte.

ZEIT: Worum geht es in diesem Experiment?

Starick: Um die Natur von Beziehungen. Geld beeinflusst, wie Menschen miteinander umgehen. In Freundschaften spielt es bestenfalls keine Rolle. Indem ich es weglasse, begegne ich meinen Tauschpartnern auf freundschaftlicher Ebene. Die Menschen, die mich zu sich einladen, haben ein ähnliches Bedürfnis wie ich: Sie wünschen sich Beziehungen, die ihnen etwas bedeuten. Die meisten entwickeln übrigens sogar elterliche Gefühle für mich. Ich bin ja tatsächlich von ihnen abhängig, als wäre ich ein Kind. Also sorgen sie sich um mich oder versuchen, die Tage, die ich bei ihnen verbringe, möglichst schön zu gestalten.

Kastanienallee, Berlin

Ein Foto aus dem Tauschhandel von Shantanu Starick und Jessica Braun | © Shantanu Starick

ZEIT: Wie lange bleiben Sie normalerweise bei Ihren Auftraggebern?

Starick: Im Durchschnitt drei Tage.

ZEIT: Alle drei Tage neue freundschaftliche Beziehungen zu knüpfen, stelle ich mir ganz schön anstrengend vor.

Starick: Das ist es manchmal auch. Ich bin ja nicht im Urlaub, sondern reise mit einer Menge Arbeit im Gepäck. Durch die kurzen Aufenthalte bin ich fast immer im Verzug und brauchte viel öfter Ruhe, um zum Beispiel Fotos zu bearbeiten. Aber wenn mich jemand zu sich nach Hause einlädt, möchte ich dieser Person auch Zeit widmen. Alles andere fände ich unhöflich.

ZEIT: Sie könnten Ihre Tauschpartner bitten, Ihnen als Gegenleistung für die Fotos ein Hotelzimmer zu buchen.

Starick: Wer mit mir handelt, lässt mich an dem teilhaben, was er hat. Wenn das bedeutet, dass ich in einer Einzimmerwohnung auf der Couch schlafe, dann ist das eben so. Ich habe durch das Projekt gelernt, dass ich mich am besten mit dem abfinde, was da ist, statt mir ständig auszumalen, wie es besser wäre. Wenn jemand im Zimmer steht, während ich mich umziehe, nehme ich das heute kaum noch wahr. Es ist meine Fähigkeit, abschalten zu können, die mir Privatsphäre ermöglicht.

Da mussten wir handeln: Diesem Interview mit Shantanu Starick liegen gleich zwei Tauschgeschäfte zugrunde. Das erste kam im vergangenen Jahr zwischen dem Fotografen und der Autorin Jessica Braun zustande: Er machte Bilder für eines ihrer Buchprojekte, sie bot ihm im Gegenzug fünf Tage lang Unterkunft und Verpflegung. „Ich war ziemlich nervös , als ich ihn vom Flughafen abholte“, erinnert sie sich an das erste Treffen mit dem Australier. Während er bei ihr wohnte, sorgte sie sich dann die ganze Zeit über, ob Starick genug zu trinken bei sich trug. “ Er konnte sich ja nichts selbst kaufen , wenn er mal ohne mich unterwegs war.“ Den zweiten Handel ging die ZEIT mit Starick ein. Weil er während seines Projektes kein Geld annimmt, konnte die Redaktion ihm kein Honorar für den Abdruck seiner Bilder zahlen – und besorgte ihm stattdessen wunschgemäß eine Hose und einen Schal.

ZEIT: Sie müssen auch mit jedem Gastgeber klarkommen. Und wenn die Chemie mal nicht stimmt?

Starick: Das kommt zum Glück selten vor. Meist ist ein Missverständnis schuld. Anfangs habe ich mich zum Beispiel einfach darauf verlassen, dass die Leute sich mit dem Projekt befassen, bevor sie mich einladen. Bis ich bei einem Mann landete, der mich für einen Couchsurfer hielt, der nebenbei Fotos macht.

ZEIT: Was war das Problem?

Starick: Ich musste ihm erklären, dass es mit dem Schlafplatz nicht getan ist. Dass ich eigentlich mehr als eine Mahlzeit am Tag brauche und dass es nett wäre, wenn er mir eine Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel kaufen würde. Wir haben uns deswegen nicht geprügelt, aber ich musste ganz schön mit ihm diskutieren, bis er verstanden hat, dass er für mich verantwortlich ist.

ZEIT: Hat Sie schon jemand auf die Straße gesetzt?

Starick: Das nicht, aber brenzlige Situationen gab es schon. Bevor ich nach Marokko kam, kontaktierte mich etwa jemand und bot mir einen Tausch für zehn Nächte an. Ich organisierte meine Anschlussreise entsprechend. Doch kurz vor meiner Ankunft in Marokko war die Person nicht mehr zu erreichen. Das war schlimm. Ich kannte ja sonst niemanden.

ZEIT: Wer hat Sie gerettet?

Starick: Eine australische Firma, mit der ich schon öfter gehandelt hatte. Sie buchten mir ein Zimmer und übernahmen die Kosten, damit ich nicht im Freien schlafen musste. Meine „Schulden“ arbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt ab.

ZEIT: Ihre Gastgeber kümmern sich nicht nur um Essen, Unterkunft und Flugtickets, sondern auch um Dinge des täglichen Gebrauchs. Was fehlt Ihnen am häufigsten?

Starick: Weiße T-Shirts, Socken, Zahnpasta, Deo. Meine Tauschpartner bieten mir solche Sachen nicht immer an, und ich mag nicht ständig darum bitten. Deshalb benutze ich auch kein Deo mehr.

ZEIT: Allein die Organisation des Alltags hört sich nach Stress an. Haben Sie auch mal eine Projektpause eingelegt?

Starick: Zwischendurch besuche ich immer mal meine Familie. Aber lange halte ich es da nicht aus.

ZEIT: Wie lange wollen Sie das Projekt fortführen?

Starick: Bis ich alle Kontinente besucht habe. Im kommenden Jahr werde ich nach Südamerika reisen. Von dort ist es nicht mehr weit bis in die Antarktis. Dafür will ich mir einen Platz auf einem Expeditionsschiff ertauschen. Leider ist das Zeitfenster für Antarktis-Reisen klein. Wenn ich es zwischen November und März nicht schaffe, muss ich ein Jahr warten.

ZEIT: Und wenn Sie alle Kontinente geschafft haben? Meinen Sie, es wird schwierig, sich wieder an den Alltag zu gewöhnen? Und ans Geldverdienen?

Starick: Ehrlich gesagt freue ich mich darauf. Früher hatte ich vor jeder Reise Bauchkribbeln. Heute sind die aufregendsten Momente in meinem Leben die, wenn mir jemand sagt: Stell den Koffer hin. Du kannst für ein paar Wochen bleiben.

Jessica Braun für DIE ZEIT

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