Es hält ein Zug im Nirgendwo – Unterwegs mit dem Hurricane Turn in Alaska

Der Hurricane Turn| © Mike Gerenday

Der Hurricane Turn| © Mike Gerenday

Der „Hurricane Turn“ bringt Abenteurer, Angler und Einsiedler durch Alaska. Wer mitfahren will, muss sich nur ans Gleis stellen und winken.

Regen platscht auf die Bahntrasse. Er lässt das mannshohe Feuerkraut entlang der Schienen schwanken wie Seegras. Endlich erkenne ich in der Ferne zwei runde Scheinwerfer. Das muss er sein! Die Lichter kommen näher. Jetzt müsste mich der Lokführer sehen. Ich springe ans Gleis und winke mit beiden Armen. Ein bisschen panisch vielleicht. Schaffe ich es wirklich, den Zug mit seiner riesigen Diesellokomotive auf offener Strecke durch bloßes Winken zu stoppen? Klappt das nicht, muss ich drei Tage in der Wildnis am Gold Creek bleiben. Wenn das mal gut geht!

Es hat mich in die Wälder Alaskas verschlagen, weil ich einen abenteuerlichen Zug namens Hurricane Turn ausprobieren wollte. Er pendelt in der Saison viermal in der Woche auf der 93 Kilometer langen Strecke zwischen dem ehemaligen Goldgräberdorf Talkeetna und einem Streckenposten in der Wildnis namens Hurricane. Der Zug ist einer der letzten amerikanischen flag-stop trains: Er hält auf freier Strecke, wenn jemand winkt – im besten Fall mit einem weißen Lappen. Die Menschen, die in den Wäldern entlang der Strecke leben, stoppen ihn, um einkaufen zu fahren, Briefe abzugeben oder Verwandte und Freunde zu besuchen. Und die Touristen gewährleisten das Überleben des Zuges, die Angler und Rafter, Jäger, Bergsteiger und Eisenbahn-Enthusiasten. Und Neugierige wie ich.

Talkeetna, wo mein Abenteuer begann, liegt knapp 200 Kilometer nördlich der größten Stadt Alaskas, Anchorage, und hat nur etwas mehr als 800 Einwohner. Vermutlich gibt es genauso viele Gästebetten. Denn hier ist für Reisende der letzte Stopp vor der Wildnis. Wenn das Wetter mitspielt – und das tut es selten –, kann man über die Wipfel der Wälder hinweg den Denali sehen, Nordamerikas höchsten Berg. Von hier aus starten Touristengruppen zu Rundflügen oder zum Goldwaschen. Der „historische Ortskern“ besteht aus 26 Ende des 19. Jahrhunderts erbauten, windschiefen Holzhäusern, heute Restaurants, Bed & Breakfasts, Andenkenläden. Gerne auch alles unter einem Dach. Ein paar große Hotels liegen etwas außerhalb.

In den USA ist das abgelegene Dorf mit hohem Männerüberschuss bekannt für seine witzigen Versuche, heiratswillige Frauen anzulocken. So können Interessierte gegen eine Gebühr von 25 Dollar den male order catalog beziehen, einen Junggesellen-Bestellkatalog. Ein weiteres Kuriosum: Talkeetna, zu klein für einen Bürgermeister, hat einen gewählten Ehrenbürgermeister, das ist Stubbs, die karamellfarbene Katze des Lebensmittelhändlers.

Der Chulitna River windet sich in Richtung Talkeetna.  |  © Jessica Braun

Der Chulitna River windet sich in Richtung Talkeetna. | © Jessica Braun

Der Bahnhof von Talkeetna stellt sich als Asphaltstreifen an den Gleisen heraus. Mit mir haben sich vielleicht 30 Fahrgäste eingefunden. Sie sitzen zwischen Bergen aus Campingzeug und Angelgerät, auf Kisten und Kühlboxen, groß genug, um einen Labrador darin zu verstauen. Die meisten tragen Arbeitsstiefel, Jeans, verwaschene T-Shirts und Accessoires mit Tarnmuster – die Uniform der Wildnis. Eine Fanfare weckt die letzten Langschläfer im Dorf: Unser Zug kommt. Steuerwagen, zwei Waggons mit Abteilen, ein Gepäckwagen. Am Ende schiebt die Lok.

Dank Warren Redfearn ist jede Fahrt mit dem Zug ein Erlebnis|  © Jessica Braun

Dank Warren Redfearn ist jede Fahrt mit dem Zug ein Erlebnis| © Jessica Braun

Ein Mann in gestreifter Latzhose und Ballonmütze geht neben dem Zug her. Warren Redfearn, 60 Jahre, arbeitet seit 1975 für die hiesige Eisenbahngesellschaft Alaska Railroad. Erst hat er Schienen gewartet, dann Passagierzüge begleitet. Seit drei Jahren ist er der Schaffner des Hurricane Turn. Und Entertainer. Bevor wir einsteigen dürfen, baut er sich vor uns auf. „Drei Regeln müsst ihr in meinem Zug beachten“, sagt er mit Blick in die Runde. „Erstens: Im Zug wird nicht geraucht. Wer rauchen möchte, sagt mir Bescheid. Dann halten wir an.“ Das sollte man mal im ICE versuchen. „Zweitens: In meinem Zug könnt ihr uneingeschränkt Alkohol trinken – falls ihr daran gedacht habt, welchen mitzubringen.“ Einige der Fahrgäste kicken zustimmend mit den Stiefeln gegen ihre Kühlboxen. „Drittens: Ihr müsst heute Spaß haben. Andernfalls schmeiß ich euch raus. Der letzte Miesepeter hat 2,6 Sekunden gebraucht, um auf dem Boden aufzuschlagen.“ Dann bittet er uns in den Zug.

Die Sessel sind breit und weich und in den Farben des Sternenbanners bezogen: Zinnoberrot und Marineblau. Das Linoleum des Bodens glänzt rot. Der Waggon ist nicht neu, aber gut in Schuss. 138 Fahrgäste haben in den Abteilen Platz. Heute ist höchstens ein Drittel der Sitze belegt. Über Lautsprecher informiert uns Warren über die Verpflegung an Bord – keine – und das Getränkesortiment: Filterkaffee, kostenlos. Spende erbeten. Am Fenster gegenüber hängen eine Axt und eine Säge für Notfälle. Der Zug ruckt. Talkeetna verschwindet hinter den Bäumen.

Die Eisenbahn in Alaska ist seit fast 100 Jahren das wichtigste Verkehrsmittel zur Erschließung des menschenleeren Inlandes. Goldwäscher, Fallensteller, Bärenjäger und Ölarbeiter hat die Alaska Railroad befördert, zuverlässiger als die wenigen Straßen. Das Land ist so spärlich erschlossen, dass man sogar Juneau, die Hauptstadt des US-Bundesstaates, nur per Flugzeug oder Boot erreicht. Von den 700.000 Einwohnern Alaskas leben 75 Prozent an einer Eisenbahnlinie.

Es geht am Susitna entlang, dem Fluss, der in den Gletschern des alaskischen Hochgebirges entspringt, im Unterlauf schiffbar ist und im Golf von Alaska mündet. Mit nur 50 km/h ist der Hurricane Turn unterwegs. Ich komme mit einem Touristen in der Reihe vor mir ins Gespräch. Er stellt sich als Programmierer aus Oklahoma vor und ist schon nicht mehr ganz nüchtern. Während wir über die Vorzüge des Bahnfahrens reden, kippt er den kompletten Inhalt einer Bourbonflasche in seine halb volle 1,5-Liter-Flasche Cola – „Reiseproviant“. Mich zieht es in Richtung Gepäckwagen. Auch wenn ich da eigentlich nichts verloren habe. „Passagieren ist der Aufenthalt verboten, wenn der Zug in Bewegung ist“, mahnt ein Schild. Doch im Internet wird gerade der Gepäckwagen empfohlen, weil man da die Einheimischen treffe, die sich um das Verbotsschild nicht scheren.

Auf dem Weg nach Talkeetna | ©  John Fischer

Auf dem Weg nach Talkeetna | © John Fischer

 

Hier gibt es kein glänzendes Linoleum und keine Chrombeschläge. Dafür kann man all das sehen, was in den Passagierabteilen hinter Sichtblenden verborgen ist: Kabel, Rohre, Schrauben, Lüftungen. Der graue Metallboden ist verkratzt, voller Ölflecken und scheppert. Ketten und Haken schlagen an die Wände. Als Sitze dienen Plastikboxen und Kartons mit Cornflakes und Kondensmilch, Feuerholzbündel, Coladosen, Campingzeug. Einige Passagiere stehen in Grüppchen zusammen. Die Bewohner der Wildnis, die Jäger, die Angler. Ich stelle mich breitbeinig neben drei Männer in der Türöffnung und schweige mit ihnen hinaus in die Weite. Der eine ist ein Mittsechziger im beigen Blouson. Die beiden anderen sind etwa halb so alt. Sie tragen Funktionskleidung und verspiegelte Sonnenbrillen. „Lachse“, sagt der Blousonträger unvermittelt und deutet auf einen Seitenarm des Flusses. Die Fische müssen fast einen Meter lang sein. Ich kann ihre Rücken unter der Wasseroberfläche glühen sehen. „Sehen Sie auch die silbernen? Das sind die leckersten.“ Er sei aus Seattle und mit seinen Söhnen unterwegs zu einem Angelwochenende, erzählt er. „Am Indian River steigen wir aus und campen. Morgen fahren wir wieder zurück.“ Ob er keine Angst vor Bären habe, frage ich. Schließlich fischen die auch gerne. Er legt einem Sohn den Arm um die Schulter. Der hat sich eine Pistole samt Patronengurt vor die Brust geschnallt. „Nicht wenn mein Junge dabei ist.“

Cranberrys und Feuergras wachsen entlang der Schienen. Wasseradern ziehen sich durch rote und gelbe Wiesen. Im Westen ragt ein Berg aus den Wolken. Auf dem Gipfel liegt Schnee. „Kameras raus, Foto machen!“, befiehlt Warren. „Es ist wesentlich wahrscheinlicher, unterwegs einen Bären zu sehen als den Gipfel des Denali.“ Später stoppt der Zug, eine Gruppe Wildwasserfahrer verlässt uns. Doch Warren lässt nicht nur für Fahrgäste anhalten, sondern auch für Schwäne, die über die Tundra fliegen, und für kulturelle Spezialitäten. Als wir den Standort des legendären Curry Hotel erreichen, legt er eine Pause ein und führt uns ein Stück durch den Wald. Er will uns zeigen, wo sich in den zwanziger Jahren Alaskas High Society zum Tennisspielen und Tanzen traf. Doch außer dem Fluss und Bäumen ist hier nichts mehr zu sehen – das Hotel ging 1957 in Flammen auf. Nach 20 Minuten klettern wir wieder in den Zug. Der Hurricane Turn hat zwar einen Fahrplan, aber durch die Bedarfshalte ist ohnehin keine Fahrt wie die andere. „Nervt das die Einheimischen nicht, wenn ihr immer wieder für die Touristen anhaltet?“, will ich wissen. Warren schüttelt den Kopf. „Die fahren zu wenig Zug, um das Ding am Laufen zu halten. Sie sind froh über jeden Touristen, der mitfährt. Wenn es die Touristen nicht gäbe, würde die Eisenbahn sicher die Fahrpreise anheben“, sagt er. Fahrgäste von außerhalb zahlen ein Mehrfaches des normalen Fahrpreises.

Wenn er einen Passagier abgesetzt hat, wischt der Schaffner dessen Namen von der weißen Tafel, auf der er mit Filzstift alle geplanten Ein- und Ausstiege mit Meilenangabe vermerkt hat. Die Tafel hängt in seinem „Büro“: einem mit Plexiglas gegen den Wind geschützten Pult im Gepäckwagen. Davor steht ein Chefsessel aus Kunstleder, aus dem der Schaumstoff quillt. Per Funk verständigt er sich von hier aus mit dem Zugführer und den Kollegen in Talkeetna über die weiteren Haltepunkte. Ich werfe einen Blick auf die Liste mit den Streckenposten. Klingende Namen: Sesame Street, Stairway to Heaven, Rock Pile, Gold Creek.

Kenny, ein Mitreisender|  © Jessica Braun

Kenny, ein Mitreisender| © Jessica Braun

Noch 60 Kilometer bis Hurricane. Ich will mir gerade einen Kaffee holen, als Warren durch den Zug ruft: „Bär!“ Sofort sind alle auf den Beinen. Ein Schwarzbär trabt über einen Sandstreifen im Fluss. Offenbar hat der Zug ihn aufgeschreckt. Der Bär patscht durch das Wasser, balanciert, die plüschige Rückseite schwenkend, über einen umgestürzten Baum, bevor er im Unterholz verschwindet. „Schwarzbären sind die Nummer eins unter den Menschenfressern“, bemerkt der Angler aus Seattle. „Was für ein Unsinn“, murmelt ein weißhaariger Mann mit Hosenträgern neben mir. So kommen wir ins Gespräch, Kenny und ich. Kenny LeTourneau hat eine eingefallene Brust, und seine Zähne stehen auch nicht alle gerade. Dafür ist er im Kopf hellwach. Der 74-Jährige lebt auf einer Lichtung am Gold Creek, einem Fluss, in dem 1880 Gold gefunden wurde. Dreimal im Jahr fährt er mit dem Hurricane Turn nach Talkeetna, um seine Vorräte aufzustocken. Manchmal bleibt er über Nacht, um mit Freunden tanzen zu gehen. „Aber im Sommer ist dort einfach zu viel los“, sagt er.

„Wenn du mich besuchen willst, schick mir ein Denali-Echo!“

Ich stelle die Frage, die mich schon die ganze Fahrt über beschäftigt: Was bringt einen dazu, sich in diese Einsamkeit zurückzuziehen? „Es gibt hier so eine Redewendung“, sagt er: „Du kannst dich nicht für Alaska entscheiden – Alaska entscheidet sich für dich. Wenn du das nächste Mal in der Gegend bist, komm doch vorbei. Ich freue mich immer über Gesellschaft.“ Ich helfe ihm, seine Einkäufe auszuladen. Kartons, voll mit Nudeln, stapelweise Toilettenpapier. Dann klettere ich zurück in den Zug. „Kenny“, rufe ich aus der offenen Tür, „wie lasse ich dich wissen, wann ich zu Besuch komme?“ – „Schick mir ein Denali-Echo.“

Ein Holzhaus und ein Schild mit der Aufschrift „Hurricane“ kündigen den Wendepunkt der Fahrt an. Im Winter fegen hier Stürme aus den Bergen über die Ebene, daher der gewaltige Name. Der Zug rollt über eine Wendeschleife und bleibt auf einer 90 Meter hohen Brücke stehen. Der Wind pustet in den Wagen. Weit unten kann ich die Silhouette von Brücke und Zug als Schatten über den Wipfeln sehen. Auf der anderen Seite sucht sich der Fluss einen Weg durch die Schlucht, bis er eins wird mit dem breiten Strom des Chulitna, eines Nebenflusses des Susitna. Im Westen scheint die Sonne auf die Ausläufer der Alaskakette. Es gibt einen Ruck, und wir fahren wieder zurück.

Ich denke über Kennys Einladung nach. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, mit einem Einsiedler Kaffee zu trinken? Von Warren lasse ich mir erklären, was ein Denali-Echo ist. „Eine Durchsage im örtlichen Radio.“ Wer wie Kenny in den Wäldern lebt, hat kein Telefon. Mit den Nachrichten werden deswegen auch mehrmals am Tag private Botschaften an die Hörer verlesen. Zurück in Talkeetna, bestelle ich mir ein Bier und ein Sandwich im Roadhouse Cafe und hinterlasse eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter des Senders. Wenn meine Besuchsankündigung im Radio verlesen wird, weiß ganz Talkeetna, wen ich besuchen gegangen bin. Sollte ich nicht zurückkommen, könnten sie zumindest gezielt nach mir suchen.

Mit einer Dose Plätzchen und einem Pfund Kaffee im Rucksack bin ich am nächsten Morgen wieder im Zug. Und das mit dem Denali-Echo hat funktioniert: Am Gold Creek steht Kenny im Nieselregen am Gleis und winkt. „Um halb sechs musst du wieder hier sein!“, ruft Warren mir zu. Dann ist der Zug weg. Kenny hat sein Quad unter den Bäumen geparkt. Es sieht aus wie ein großer Rasenmäher. „Kletter rauf!“

Wir holtern und poltern einen Hügel hinauf. Schlamm spritzt. Äste ragen in den Weg. Ich halte vergeblich Ausschau nach Elchen und Bären. Die Moskitos dagegen zeigen sich zahlreich. Sie verfangen sich in meinen Haaren und landen in meinem Gesicht. Wir biegen in eine Lichtung ein. Ein ganzes Dorf ist dort aufgebaut: zwei stattliche Blockhäuser und mehrere große und kleine Hütten. Ein gemauerter Grill. Ein Toilettenhäuschen.

Kenny parkt das Quad in einem der Schuppen. Sein Wintervorrat sei das, sagt er und zeigt stolz auf Stapel von Holz. Im Winter fallen die Temperaturen in Alaska auf minus 40 Grad. Schon ab September ist mit Schnee zu rechnen.

Die Alaskakette, die bis zu 6.168 Meter hoch ist

Die Alaskakette, die bis zu 6.168 Meter hoch ist. | © Jessica Braun

Kenny war noch ein Junge, als seine Eltern mit ihm von Idaho nach Talkeetna zogen. „Ich war der einzige Weiße in der Schule zwischen lauter Indianerkindern“, erinnert er sich. Damals beschloss er gemeinsam mit seinem besten Freund, sich eines Tages am Gold Creek niederzulassen. Dessen Blockhaus existiert noch. Doch leider sei der Freund früh gestorben, seine Frau mit den beiden Kindern weggezogen, erklärt Kenny. „Später ließ ich mich scheiden. Seitdem bin ich alleine. Alle paar Monate kommen unsere Kinder für ein Wochenende zu Besuch. Aber das Leben hier ist nichts für sie.“

„Gehe ich weg? Oder bleibe ich, bis man mich eines Tages findet?“

Fallensteller, Goldgräber und Techniker am örtlichen Flughafen – das alles war er schon mal in seinem früheren Leben. Jetzt arbeitet er nur noch, um sich selbst zu versorgen. Baut hinter dem Haus Gemüse an. Schraubt und streicht. Mäht das Gras auf der Lichtung, bis es aussieht wie englischer Rasen. Auch seine Küche wirkt, als wäre die Putzfrau gerade erst gegangen. Er nimmt die Kaffeekanne vom Ofen, schenkt eine Tasse für mich ein. Der Raum riecht nach Holzfeuer und gebratenem Lachs. Ich schaue mir die Gewehre an der Wand an. Ignoriere diskret die DVDs unter dem Fernseher aus Sorge, auf Material für einsame Männer zu stoßen. Wage dann doch einen zweiten Blick. Bloß Hollywood-Klassiker. Schmutziger als James Bond wird es nicht. „Meine Nachbarn und ich tauschen DVDs, damit der Winter nicht so lang wird“, erklärt Kenny. „Der Strom kommt vom Generator. Ich habe es auch mit Solarzellen probiert, aber das Sonnenlicht genügt nicht mal im Sommer, wenn die Mitternachtssonne scheint.“

Kennys nächste Nachbarn sind ein Goldgräber und eine alleinerziehende Mutter, die beide ein paar Meilen entfernt wohnen. „Was ist, wenn du krank wirst?“, frage ich. „Wir achten schon aufeinander. Aber wer hier draußen lebt, muss sich irgendwann entscheiden: Gehe ich weg? Oder bleibe ich, bis man mich eines Tages findet?“ Der Gedanke scheint ihm nichts auszumachen. Kenny holt eine Kiste, fischt Fotos heraus. Breitet sein Leben vor mir auf dem Tisch aus. Wenn er sich unterbricht – „Ich rede zu viel, oder?“ –, sage ich: „Gar nicht“, und meine das auch so. Drei Stunden reichen kaum, um Freundschaft zu schließen. Aber wir machen das Beste daraus. Dann bringt er mich zurück an die Gleise.

Vierzig Minuten warten wir nun schon im strömenden Regen darauf, dass ich die Heimreise antreten kann. Kenny tropft das Wasser von der Nase, mir läuft es in die Augen. Ich wische mir über das Gesicht. Merke zu spät, dass meine Hände voller Schlamm sind. Ich sehe sicher aus wie dieses Horrorwesen aus dem Film Das Ding aus dem Sumpf. Endlich kommt der große Augenblick, der Hurricane Turn-Moment: Der Zug naht – wird er halten?

Ich schwenke meine Arme über dem Kopf. Bremsen quietschen. Dann steht der Hurricane Turn in seiner ganzen blau-gelben Herrlichkeit vor mir. Ich umarme Kenny. Verspreche, zu schreiben. Die Tür schwingt auf. Eine trockene, warme Hand streckt sich mir entgegen. Greift meine, hilft mir hinauf. „Schön, dass du wieder an Bord bist!“

Ich winke, aber Kenny sitzt schon wieder auf seinem Quad und braust den Berg hinauf. Im Abteil lasse ich mich in den Sessel sinken. Schaue in den Wald, der dunkel ist vom Regen. Bis ich die Touristin bemerke, die mich beim Einsteigen fotografiert hat und mich nun neugierig ansieht. „Haben Sie den fallen gelassen?“, fragt sie und zeigt auf meinen schlammverschmierten Rucksack. Sie hält mich offensichtlich für eine Einheimische. Nach meinem Grundkurs Wildnis kann ich da jetzt mitspielen: „Wissen Sie“, sage ich, „es gibt hier so eine Redewendung: Du kannst dich nicht für Alaska entscheiden – Alaska entscheidet sich für dich.“ Ich mache mein bestes Bärenjägergesicht. „Und wenn es einen wieder ausspuckt, dann sieht man so aus wie ich.“

Reiseinfos:

Anreise Condor fliegt 2015 zwischen Mai und September bis zu vier Mal wöchentlich von Frankfurt nach Anchorage. Auch American Airlines und andere fliegen nach Anchorage. Von dort bringt der Denali Star (einfache Fahrt: 76 Dollar) Fahrgäste nach Talkeetna im Norden. www.alaskarailroad.com

Der Zug verkehrt zwischen Talkeetna und Hurricane, Mai bis September viermal, im Winter einmal pro Woche. Ticket: ca. 77 Euro. Hübsche Einstimmung: www.facebook.com/HurricaneTurn

Unterkunft Talkeetna Roadhouse: urgemütliches B&B mit hervorragender Küche, eigener Bäckerei und kuscheligen Zimmern. Tel. 001-907/733 13 51. DZ ab ca. 55 Euro. Talkeetna Alaskan Lodge: Komfortables Hotel mit 212 Zimmern, zwei Restaurants und spektakulärer Aussicht auf den Denali (wetterabhängig). DZ ab 161 Euro 

Information Die offizielle Webseite Alaskas hilft bei der Reiseplanung: www.alaskausa.de. Deutschsprachige Infos per E-Mail: alaska@es-tm.com

Jessica Braun für DIE ZEIT

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