Künstlerin Fiona Hallinan: Soundtracks für Roadtrips

Die frühere Militärstraße wird heute vor allem von Ausflüglern genutzt. | © Sean Breithaupt
Die frühere Militärstraße wird heute vor allem von Ausflüglern genutzt. | © Sean Breithaupt

Die Künstlerin Fiona Hallinan entwickelt Soundtracks für Reiserouten und Landschaften. Ein Gespräch über den Klang der irischen Wiesen und den Rhythmus von Schallschutzwänden.

DIE ZEIT: Frau Hallinan, für Ihr Kunstprojekt Heterodyne bitten Sie Musiker, Soundtracks für ausgewählte Reiserouten zu entwickeln. Als Erstes haben Sie sich eine ehemalige Militärstraße in den irischen Wicklow Mountains vorgenommen. Warum braucht eine Landstraße eine eigene Komposition?

Fiona Hallinan: Ich finde, dass Autofahren sich besonders gut eignet, um einen Ort akustisch zu erfahren, vor allem wenn man allein unterwegs ist. Die meisten Autos haben gute Lautsprecher, und die Windschutzscheibe wirkt wie eine Leinwand aus Glas.

ZEIT: Aber was kann Ihr Soundtrack, was mein Pogues-Album nicht kann?

Hallinan: Die Musik ist extra für diese Landschaft geschrieben. Sie soll die Aufmerksamkeit des Reisenden auf seine Route lenken. Wenn wir unterwegs sind, geht es vielen von uns vor allem um den Moment des Ankommens, um das Ziel. Die Orte, die wir während der Anreise passieren, beachten wir dagegen selten.

ZEIT: Wie hört sich die Straße auf Ihrem Soundtrack an?

Hallinan: Man muss vielleicht dazu sagen, dass sie 1798 im Zuge der irischen Rebellion gebaut, aber nie wirklich militärisch genutzt wurde. Heute dient die hügelige Landschaft als Erholungsgebiet, wo man vor allem Radfahrer und Naturliebhaber trifft. Das erste Stück des Soundtracks, das den Beginn der Fahrt begleitet, ist von Chequerboard, einem Sologitarristen. Anfangs führt die Straße durch einen Wirtschaftswald. Dann werden die Bäume spärlicher und geben den Blick auf die mit Gras und Heidekraut bewachsenen Hügel frei. Man kann plötzlich sehr weit sehen. Die Gitarre fängt diesen Übergang ein. Sie klingt erst verträumt und dann nach Aufbruch.

ZEIT: Waren die Musiker, die für Sie komponiert haben, eigentlich mit der Landschaft vertraut?

Fiona Hallinan |  © privat
Fiona Hallinan | ©
privat

Hallinan: Fast alle. Mit einigen bin ich dort spazieren gegangen, einer hat sich aber auch nur das Video angesehen, das ich dort während einer Autofahrt gedreht hatte. Ich nehme keinen Einfluss darauf, wie die Musiker an diese Aufgabe herangehen, wie ihre Komposition klingt. Ich verstehe mich nur als Autorin des Projekts.

ZEIT: Wofür steht eigentlich der Name Heterodyne?

Hallinan: Ein Heterodyne-Empfänger überlagert die Rufe von Fledermäusen mit einer anderen Frequenz und macht sie so für unsere Ohren hörbar. Etwas Ähnliches möchte ich mit meinem Projekt erreichen: Die Perspektive des jeweiligen Komponisten soll verändern, wie wir eine Wegstrecke wahrnehmen.

ZEIT: Und das funktioniert?

Hallinan: Ich finde schon. Als ich Five Scores for the Military Road zum ersten Mal im Auto abspielte, sprang ein Reh über die Straße. Mir kam es vor, als wäre dieser zufällige Moment Teil der Komposition – was natürlich nicht sein kann. Aber das Wissen, dass diese Sounds zur Straße gehören, sorgt für eine Art Rückkoppelung.

Der Bosporus |  © Shantanu Starick
Der Bosporus | © Shantanu Starick

ZEIT: Ihr zweiter Soundtrack entstand 2014 für eine Fährpassage über den Bosporus. Warum sind Sie von der Straße abgekommen?

Hallinan: Je mehr ich über das Mobilsein nachdachte, desto selbstverständlicher erschien es mir, verschiedene Fortbewegungsmittel und Reiserouten zu integrieren: Fußwege, Zugfahrten, Bustouren, Flüge. Das Auto hat als Transportmittel den Vorteil, dass es den Zuhörer einkapselt und seinen Blick stärker lenkt. Auf einer Fähre dagegen kann er herumlaufen und schaut vielleicht mal in diese, mal in jene Richtung.

ZEIT: Was hat Sie am Bosporus gereizt?

Auf der Fähre | © Shantanu Starick
Auf der Fähre | © Shantanu Starick

Hallinan: Die Überfahrt hat etwas Zeremonielles. Die Fähre verbindet Eminönü, ein Viertel im europäischen Teil Istanbuls, mit Kadıköy auf der asiatischen Seite. In Eminönü drängen sich die Touristen, weil dort die Hagia Sophia und die Blaue Moschee stehen. Besteigt man die Fähre, suchen anfangs alle Fahrgäste aufgeregt nach ihren Plätzen, rufen und reden. Aber dann bestellen sie Tee, schauen auf dieses Tableau vivant aus Wasser und Stadt, und die Gespräche versiegen. Man hört nur noch die Möwen, die Wellen, den Wind, den Motor der Fähre. In Kadıköy steht man dann wieder zwischen Marktständen im Gedränge. Die Bosporus-Komposition gibt diesen Wechsel aus Ruhe und Rhythmus wieder.

ZEIT: Aktuell beschäftigen Sie sich mit der Pariser Stadtautobahn, dem Boulevard périphérique. Das klingt nach einer Strecke, die man mit einigem Recht gerne schnell hinter sich bringt.

Hallinan: Sicher, als malerisch würde ich sie nicht bezeichnen. Ich habe mir in Paris viele Straßen angesehen, aber keine erschien mir spannend genug. Dann erzählte mir ein Bekannter vom Boulevard périphérique, der die Stadt wie ein Grenzstreifen von den Vororten trennt. Wir sind ihn gemeinsam entlanggefahren, und ich mochte das, was ich durch die Windschutzscheibe sah. Auf der einen Seite liegt das bekannte Paris mit seinen historischen Bauten und eleganten Restaurants. Auf der anderen Seite leben die Menschen, die zwar in Paris arbeiten, für die das Leben dort aber oft zu teuer ist. Entlang des Boulevards stehen Bürotürme, die sich wie geometrische Muster wiederholen. Wegen der Schallschutzmauern hat man oft nur eingeschränkte Sicht, durch die Tunnels ist es mal dunkel und mal hell. Das gibt dem Boulevard périphérique einen ganz eigenen Rhythmus.

ZEIT: Wird Ihr Soundtrack die Fahrt auf dem Boulevard schöner machen?

Hallinan: Das weiß ich nicht. Bestenfalls bringt er den Menschen aber den Ort zurück ins Bewusstsein.

Website von Fiona Hallinan

Heterodyne gibt es als kostenlose App für iOS und Android

Jessica Braun für

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