Emma Holten: Eine Frau wehrt sich gegen Nacktfotos im Netz

11125421_10153079614249226_1057859448_nSeit drei Jahren muss Emma Holten damit leben, dass jemand private Nacktfotos von ihr im Internet veröffentlicht hat. Nun hat sie neue Bilder machen lassen und diese ins Netz gestellt – um die Hoheit über ihren Körper zurückzugewinnen.

Es gibt Frauen, die davon träumen, mit ihren Aktfotos berühmt zu werden. Emma Holten wollte das nie. Aber seit internationale Nachrichtenseiten Fotos ihres nackten Körpers zeigen, fühlt sich die Dänin zumindest befreit.

Im vergangenen September hat sich Emma Holten für die Fotografin Cecilie Bødker ausgezogen. Die Bilder zeigen eine junge Frau, 23 Jahre alt, fröhlich, blond – und oben ohne. Vor dem Badezimmerspiegel, im Bett, auf der Fensterbank. Eine erotische Fotoserie, leicht voyeuristisch, aber nie obszön. Bilder, die man sich gerne anschaut. Doch die Fotos sollen nicht bloß gefallen. Sie sollen aufrütteln. Aufmerksam machen auf das Leid von Frauen, deren Nacktbilder unerlaubt im Netz veröffentlicht werden. Meist von Männern, die sich zurückgewiesen fühlen. Wer ihre privaten Fotos online gestellt hat, weiß Emma Holten nicht. Gemacht hatte die Aufnahmen ihr Exfreund. „Mein Email-Acccount wurde gehackt. Es kann jeder gewesen sein“, sagt sie. Ein Übergriff, der ihr die Privatsphäre geraubt hat. Ihr Projekt, mit dem sie sich nun dagegen auflehnt, heisst «Consent»: Einverständnis. Weil sie die Bilder, über die gerade alle reden, selbst zur Veröffentlichung freigegeben hat. Die anderen, über die Jahre lang getuschelt wurde, dagegen nicht. «Es ist mein Körper. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Und wenn ich Aktfotos machen möchte, dann ist das alleine meine Entscheidung,» sagt sie. «Verbreitet jemand diese aber ohne mein Einverständnis, ist es Missbrauch.»

Es ist drei Jahre her, dass Holtens Bilder missbraucht wurden. Im Oktober 2011 startete sie eines Morgens ihren Computer. Das Postfach war voll mit Hunderten Emails. Sie las: «Wissen Deine Eltern, dass Du eine Schlampe bist?» – «Ich möchte Dich kennenlernen.» – «Schick mir solche Fotos von Deiner kleinen Schwester oder ich lasse Deinen Chef wissen, was Du so treibst.» Emma Holten sagt: «Sie fühlten sich dazu berechtigt, weil sie mich nackt gesehen hatten.» In Posen, welche die Studentin heute als ein wenig ungelenk beschreibt. Als harmlosen Versuch, sexy zu wirken. Gerademal 17 war sie da. Ihr Exfreund hatte diese Fotos in der Geborgenheit seines abgedunkelten Zimmers aufgenommen. Und einige weitere Bilder zwei Jahre später, in ihrer Wohnung. Eine Spielerei zwischen zwei ineinander verliebte Menschen. Nur für deren Augen bestimmt. Doch die Absender der Emails hatten diese Bilder auf einer sogenannten «Revenge Porn»-Website entdeckt: In einem Forum für Männer, die Frauen erniedrigt sehen möchten.

Revenge Porn (dt. Rachepornografie) ist eine Form des Cybermobbings. Die Bilder, welche die Täter unerlaubt posten, können heimlich am Strand oder auf einer Party gemachte Fotos sein. Screenshots aus Chatrooms oder eben Bilder, die im Lauf einer Beziehung entstanden. Laut einer Studie des US-Softwareherstellers McAfee droht jeder Zehnte nach Ende der Beziehung damit, kompromittierende Fotos seines Partners oder seiner Partnerin zu veröffentlichen. In 60 Prozent der Fälle macht der Ex diese Drohung auch wahr. Postet auf Facebook, WhatsApp, Tumblr, Twitter. Oder auf einer der unzähligen Seiten in den dunklen Randbezirken des Internets, die solches Material annehmen und es ausstellen – oft mit Adresse, Telefonnummer, dem Link zur Facebook-Seite des Opfers oder dem Namen des Arbeitgebers. In Emma Holtens Fall waren es ihr Name und ihre Emailadresse. Viele Männer verstanden das als Einladung, die junge Frau zu quälen. Über Jahre. «Ich hatte damals keine Vorstellung davon, wie sehr das mein Leben verändern würde», sagt sie. Sie habe nach dem ersten Schock zehn Minuten geweint. Sich dann zu ihrer Mitbewohnerin aufs Sofa gesetzt, um einen Film anzusehen. Damals hatte sie noch Hoffnung, dass die Bilder in kurzer Zeit von anderen Nacktfotos zugedeckt werden würden. Überlagert von Sedimentschichten pornografischen Materials. Aber das Internet lässt kein Vergessen zu. «Es ist nicht wie bei einer Trennung, wenn der Schmerz langsam nachlässt», sagt Holten, «Ich werde Tag für Tag wieder daran erinnert.»

Seit drei Jahren erhält sie Emails: Anzügliche, aggressive, vermeintlich wohlmeinende, erpresserische. «Anfangs waren es Hunderte pro Monat. Mittlerweile sind es zwischen einer und drei pro Tag.» Wechselt sie die Emailadresse, dauert es nicht lange, bis ihre Peiniger sie finden. «Eine Weile war ich richtig paranoid. Ich wollte meinen Namen ändern. Wollte umziehen. Mit dem Rad die Strasse entlang zu fahren, war schon eine Herausforderung.» Ihre Eltern reagierten gelassen, konnten der Tochter jedoch nicht wirklich helfen. Genauso wenig wie deren Freunde. «Ich war mit meinen Gefühlen alleine. Wer nie in so einer Situation war, versteht nicht, was es bedeutet.» Wie es ist, von einem Kollegen belästigt zu werden, der die Fotos gesehen hat. Wie es sich anfühlt, deswegen mit dem Chef reden zu müssen. Oder sich nett mit einem jungen Mann, auf einer Party zu unterhalten, bis dieser sich mit dem Satz verabschiedet: «Ich wollte nur mal wissen, wie Du so in echt bist.» Was ihr half: «Mich daran zu erinnern, dass diese Männer meine Fotos kannten, weil sie nach solchen Bildern gesucht hatten. Sie wollten nicht einfach nackte Frauen sehen. Ihnen ging es um Fotos, die gegen den Willen der Betroffenen veröffentlich wurden. Darum, Frauen gedemütigt zu sehen.»

Es kommt schon mal vor, dass Emma Holten einen Monat lang keine Emails von Fremden erhält. Das seien aber nur Phasen, sagt sie. Denn die Besucher der einschlägigen Websites lassen die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen. Sie rebloggen und teilen die Bilder. Im Netz kursiert das sogenannte «Exposure Manifesto», ein Manifest der Blossstellung. «Unterstütze die Verbreitung,» heisst es darin, «Es ist Deine Aufgabe diese Bilder herunterzuladen, sie erneut zu posten, sie zu teilen und Dir (natürlich) dabei einen runterzuholen.» Das Manifest mag ernst gemeint sein oder als schlechter Scherz. Für Holten spiegelt es die «ekelhafte Einstellung wieder, die diese Leute gegenüber Frauen haben.»

Mit «diesen Leuten» meint Emma Holten vor allem auch die Betreiber der Websites, die mit ihren und den Fotos Tausender anderer betroffener Frauen Geld verdienen: Jeder Klick bedeutet Werbeeinnahmen. Mehrmals forderte Holten die Verantwortlichen per Email auf, ihre Bilder zu löschen. Keiner war bereit, ihr zu helfen. «Entweder behaupten sie, ich sei eine Schlampe und hätte die Fotos sicher selbst hochgeladen. Oder sie verlangen, dass ich mich ausweise. Aber ich werde denen sicher nicht auch noch eine Ausweiskopie von mir schicken.» Stattdessen wandte Holten sich an die Polizei. «Der Beamte riet mir, meinen Computer nicht mehr anzuschalten.» Keine praktikable Lösung. «Internetkriminalität gibt es noch nicht so lange. Die Behörden sind mit Fällen wie meinem oft überfordert.»

Mit ihren nun veröffentlichten Aktfotos und dem von ihr dazu verfassten Text will sie deswegen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig der Schutz der Privatsphäre in Zeiten des Internets ist. «Die geltenden Gesetze sind aus meiner Sicht nicht ausreichend», sagt sie, «Wir müssen eine Antwort auf die Frage finden, was uns Persönlichkeitsrechte wert sind.» Sie will Aufklärungsarbeit leisten, um diesen Prozess zu beschleunigen. In den USA wurden in den vergangenen drei Jahren in 13 US-Bundesstaaten neue Gesetze verabschiedet, die es den Behörden leichter machen, in Fällen wie demjenigen von Holten zu handeln. 2011 hatte ein Hacker Nacktfotos der Schauspielerin Scarlett Johansson in Umlauf gebracht, die diese für ihren damaligen Ehemann Ryan Reynolds aufgenommen hatte. Der Fall beschäftigte wochenlang die Medien. Die Politik reagierte. «Es gibt so viele prominente Opfer: Paris Hilton, Kim Kardashian, Scarlett Johansson und zuletzt Jennifer Lawrence und Kirsten Dunst. Das zeigt doch, dass es um viel mehr als nur verletzte Exfreunde geht. Den Männern, die dafür verantwortlich sind, fehlt jeder Respekt für Frauen. Es erregt sie, Frauen ohne deren Einverständnis zu sexualisieren.» Doch oft sind es die Opfer, deren Integrität in Frage gestellt wird. Auf Facebook und Nachrichtenseiten werfen die Kommentatoren ihnen vor, sie hätten ihre Daten besser schützen sollen. Oder sich gar nicht erst vor der Kamera ausziehen. «Wer sind diese Leute, die darüber richten wollen, was Frauen in den eigenen vier Wänden tun?», fragt Holten. «Sie sprechen uns das Recht ab, unsere Sexualität auszuleben. Und wenn wir es doch tun und die Öffentlichkeit erfährt davon, dann geschieht es uns Recht? Das ist doch Mist. Wenn jemand die Kreditkartendaten gestohlen werden, tadelt ihn auch niemand dafür, dass er online shoppen war.»
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Emma Holten wünscht sich mehr gesellschaftlichen Rückhalt für die Opfer. Denn auch wenn Gesetze helfen – sie beenden deren Leiden nicht: Ihre Namen werden weiterhin von den Suchmaschinen mit den Bildern verknüpft. Sie verlieren Freunde. Beziehungen gehen in die Brüche, neue sind vorbelastet. Bewerbungsgespräche werden zur Tortur. Manche Betroffene begehen Selbstmord – etwas, worüber Holten selbst nie nachgedacht hat, wie sie sagt. Menschen lernen, mit Schicksalsschlägen zu leben. Aber wie soll das gehen, wenn man nicht vergessen darf? «Deswegen müssen diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die mit dem Verbreiten solcher Bildern Geld machen», sagt Holten. Stehen deren Server im Ausland, ist das jedoch kaum möglich. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Holten noch minderjährig war als die Bilder von ihr entstanden. «Ich war jung. Aber nach dänischem Recht gilt man mit 17 Jahren nicht mehr als Opfer von Kinderpornografie.»

Emma Holten. Gibt man diesen Namen in eine Suchmaschine ein, gräbt diese alles aus, was im Netz zu finden ist. Weil sie dagegen nichts tun kann, hat die Dänin ihren eigenen Weg gefunden, sich zu wehren: indem sie mehr von sich preisgibt. Sie twittert. Sie bloggt auf WordPress und Tumblr. Als Aktivistin hält sie Vorträge auf Kongressen und hat ein feministisches Web-Magazin mitbegründet: Friktion. Im September 2014 erschienen dort die Fotos, die Cecilie Bødker von ihr gemacht hatte. Zusammen mit einem Text von Holten, in dem diese ihre Geschichte erzählt. Vorbehaltlos. Mit sachlichen Worten: «Ich hasste meinen Körper und habe lange darüber nachgedacht, wie ich das ändern könnte. Ich gab ihm die Schuld für meine Demütigung.» Für Bødker zu posieren habe ihr geholfen, wieder Zugang zu ihrem Körper zu finden. Ihm eine neue Bedeutung zu geben. «Ich wollte wieder als Mensch gesehen werden, nicht mehr als Objekt. Deswegen haben wir uns für Situationen entschieden, die ganz alltäglich sind.» Auf den Bildern sieht man Holten beim Zähneputzen und beim Lesen. Sie zeigt ihre Tätowierungen und Narben und wirkt dabei auf kindliche Weise unversehrt – vielleicht, weil sie so freimütig in die Kamera schaut. Sie habe beim Shooting keine Angst gehabt, sagt sie. Nicht vor der Kamera und nicht vor den Reaktionen. «Ich glaube, man sieht das in den Bildern. Ich meine – was hatte ich denn zu verlieren? Es konnte gar nicht mehr schlimmer werden.»

Jessica Braun für Annabelle 5/15

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