Hotel Sündenpool

 

hotel-les-bains-paris-paris-033-93105-960x480Wo Grace Jones, David Bowie und Iggy Pop die Nacht durchtanzten, kann man nun schlafen. Das Les Bains in Paris, einst legendärer Club, ist jetzt Luxusherberge.

 

An der Tür des Les Bains Douches sind schon viele gescheitert. Selbst Karl Lagerfeld, Catherine Deneuve und Keith Richards sollen mal abgewiesen worden sein. In den Achtzigern blockierten die Wartenden Nacht für Nacht in demütiger Hysterie die Rue du Bourg-l’Abbé. Seit ein paar Wochen reicht der Satz: „Ich habe reserviert.“ Der legendäre Club hat sich in ein Fünfsternehotel verwandelt, in das die Gäste durchaus auch zum Schlafen kommen.

Hinter den Eingangstüren des Kalksandsteingebäudes wabern Bässe und Stimmen, Gläser klirren. Es gibt keine Lobby, nur ein Empfangspult vor rotdunklen Raumfluchten, in denen sich die Bar und das Restaurant ausbreiten. Ein DJ, der seine Plattenspieler in einem Türrahmen aufgebaut hat, spielt einen Remix von The XX, „we live half at night“ singt Romy Croft , während sich am Tresen Galeristen und Modeleute drängen. „Wodka, Wodka, Wodka!“, ruft eine tätowierte Rothaarige mit Pin-up-Pony in Richtung Barkeeper, der gerade von einer Clique Filmschaffender in Beschlag genommen wird. Im Les Bains war die Nacht schon immer der interessantere Teil des Tages.

les-bains-s-01Die Wände des Restaurants sind mit ochsenblutfarbenem Lack überzogen, der an den Säulen herunterzurinnen scheint. Über den Tischen wölbt sich die Decke zu teichgroßen Tropfen. Kurz vor Mitternacht sind sämtliche Plätze besetzt. Die Männer tragen graue Mähnen, die Frauen massiven Schmuck. Wer jetzt an der Bar noch einen Drink bestellen möchte, muss kämpfen. Getanzt wird auch im Stehen nicht, nur gewogt. Und viel geraucht, im Innenhof, wo ein Graffito von Futura den Umbau überlebt hat. Vom Restaurant aus kann man das Frauen- und Tigerporträt durch die bodentiefen Fenster sehen.

Mmmmh, tschak. Die Aufzugtür unterbricht die Party. Im vierten Stock ist es schummrig still. Ein geblümter dunkler Teppich schluckt die Schritte. Hinter der schwarzen Zimmertür öffnet sich ein großzügiger Raum, ideal eingerichtet zum Weiterfeiern. Vor der zementgrauen Wand steht ein Bett mit valiumblauen Kissen. Das Kopfende ist aus mattem Samt, wie die Sitzlandschaft in gedämpftem Orange gehalten – der VIP-Bereich. Im gläsern gelackten Ebenholzregal steht ein Stanmore-Amp von Marshall bereit, ein Verstärker für das iPhone. Darunter ein Tablett mit Kristallbechern, flankiert von Scotch- und Gin-Flaschen. Das Sortiment der Minibar besteht aus Energydrinks, Cola, Champagner und noch mehr Hochprozentigem. Rauchen ist nicht erlaubt – mais non! –, aber der Teppich hat die Farbe von Zigarettenasche. Auf dem schmalen Balkon kann einem auch ganz ohne Schwips schwindelig werden: das Geländer ist nur hüfthoch, und tief unten das Marais. Für heute reicht es. Das gnadenlos bequeme Bett wirkt schneller als ein Brandy Alexander.

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Nummer der Rezeption: 911.

Am nächsten Morgen ist das Restaurant verwaist. Offenbar frühstücken die Gäste des Les Bains im Bett oder gar nicht. Auch Jean-Pierre Marois hat den ersten Kaffee in seiner Suite genommen. Bis in die frühen Morgenstunden hat der Hotelbesitzer seine Gäste im Restaurant begrüßt und an der Bar unterhalten. Wird die Nacht zu lang, bleibt er in seinen Räumen im Hotel. Zu unserem Gespräch im Restaurant trägt Marois ein graues Sakko über einem grauen T-Shirt, die Beine seiner Jeans hat er hochgekrempelt. Wer französische Modemagazine liest, kennt den 51 Jahre alten Filmproduzenten mit den dichten Locken und den diabolischen Augenbrauen von den Seiten mit den Partyberichten. Im Pariser Nachtleben gehört Marois zum festen Ensemble. Er ist der Erbe des Les Bains – und sein Retter.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1885, als die Familie Guerbois in der Rue du Bourg-l’Abbé ein Badehaus errichten ließ. Im ersten Spa der Stadt konnte man damals zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Schwefelbad nehmen oder sich massieren lassen. Einer, der das regelmäßig tat, war der Schriftsteller Marcel Proust. Zu seinen Glanzzeiten trafen sich die Künstler der Belle Époque im Les Bains Guerbois. Später, nach dem Ersten Weltkrieg, kamen die Arbeiter und Lkw-Fahrer vom nahe gelegenen Großmarkt Halles Centrales früh am Morgen vorbei, um für einen Franc heiß zu duschen. 1969 schließlich wurde der Markt in die Vorstadt verlegt. Das Geschäft mit den Bädern versiegte. An diesem Punkt der Geschichte trat Jean-Pierre Marois auf den Plan, genauer gesagt: sein Vater.
Als der prominente Wissenschaftler das Gebäude erwarb, standen die Badesäle bereits leer. Und blieben es, bis sich Ende der siebziger Jahre ein junger Antiquitätenhändler namens Fabrice Coat in die Nymphenstatuen am Eingang des Badehauses verliebte. In der Hoffnung auf weitere Schätze bestach er einen Wachmann, der ihn in das Gebäude ließ. Vielleicht waren es die Schimmelsporen, vielleicht auch die mit japanischen Gartenszenen bemalten Glasfenster – heraus kam der 23-Jährige jedenfalls mit einer Vision von einem Nachtclub, wie es ihn noch nie gegeben hatte. Nachdem es ihm gelungen war, Maurice Marois von seiner Idee zu überzeugen, engagierte Coat für den Umbau einen Designer, der damals nur wenig mehr Erfahrung mit Clubeinrichtung hatte als er selbst: Philippe Starck.
„Ich fand die Einladung zur Eröffnungsparty auf dem Schreibtisch meines Vaters“, erzählt Jean-Pierre Marois im Restaurant bei einem Glas Wasser. Der damals 14-Jährige bearbeitete seine Eltern, und die ließen ihn gehen. Am 21. Dezember 1978 drängte er sich mit 3.000 anderen Gästen durch das Eingangsportal mit dem Bacchus-Kopf. Und entdeckte dahinter ein neues, ungekanntes Paris.

bildschirmfoto-2016-10-07-um-08-37-58„Clubbing war damals noch nach sozialen Schichten getrennt. Aber ins Les Bains kam man auch als Niemand. Man musste nur besonders aussehen.“ Für Marois, Kind einer reichen katholischen Familie, war es ein Kulturschock: „Schwarze Jugendliche kamen aus den Vororten und blieben bis zum Morgen, weil nachts keine Züge fuhren. Ihr Styling war atemberaubend. Oder die Dragqueens! Männer, die sich anzogen wie Frauen und dabei gut aussahen – mich hat das schwer beeindruckt.“ Das Les Bains sei schon immer etwas Besonderes gewesen, sagt Marois: „In den angesagten Clubs in Paris blinkten die Tanzflächen. Alles war bunt und glitzerte.“ Philippe Starck jedoch hatte kaum Budget. Also machte er den Pool des Badehauses zum stilbildenden Element, kachelte Tanzfläche und Wände in Schwarz, Weiß und Blau. Die ersten Gäste hätten sich noch gewundert, warum die Einrichtung nicht fertig sei, sagt Marois: „Aber mit der Zeit haben sie es dann kapiert.“ Im New Yorker Studio 54 liefen Disco und Funk. Im Les Bains spielte Joy Division. Die Gäste aber waren dieselben: Andy Warhol und Keith Haring. Grace Jones und Farida Khelfa. David Bowie und Debbie Harry. Drogen waren leicht zu bekommen, und die Partys endeten regelmäßig im Pool. „Die Studentenaufstände hatten nicht die gewünschten Veränderungen gebracht, viele Künstler waren desillusioniert. Sie feierten gegen ihre Angst an“, sagt Marois.

Wenn er über den Club spricht, gerät der Filmemacher ins Schwärmen. Marois hat seine Jugend im Les Bains verbracht. Mit Models Champagner trinken und mit Schauspielerinnen im Pool tanzen – für die meisten seiner Altersgenossen blieben das feuchte Träume. Bei unserem Rundgang durchs Haus bleibt er in der Lobby vor einer Reihe psychedelisch kolorierter Konzertplakate stehen. „Viele der Bands, die hier aufgetreten sind, hatten danach ihren Durchbruch.“ Bands wie Echo & The Bunnymen, Simple Minds, DAF. Alle gegründet 1978, dem Jahr, in dem Les Bains zum ersten Mal seine Türen öffnete.
Marois sagt, es sei ihm wichtig gewesen, dass das Haus nicht frisch renoviert wirke, sondern so, als sei es schon seit langer Zeit ein Hotel. Die Vergangenheit wird nur indirekt zitiert. Mit den Außenduschen auf den Terrassen der Suiten zum Beispiel. Wer darunter steht, hat freien Blick auf die Nachbarhäuser und die anderen Balkone. Sehen und gesehen werden. Die kleinen Tischchen mit den Glasflächen: gerade groß genug, um eine Handtasche darauf abzustellen, aber auch glatt genug, um Kokain zu hacken. In einem Zimmer kratzt Marois mit seinem Schlüssel ein Herz in die Wand hinter dem Bett. „Ich will, dass die Leute hier Spaß haben. Jeder soll tun können, was er will.“

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Zimmer mit Wandkonsole

Spiegelglatte Oberflächen. Und darunter Risse. Es ist ein Muster, das sich durch das gesamte Haus zieht. 1984 begann eine neue Ära, als der Gastronom Hubert Boukobza mit einem Teilhaber den Club übernahm. Fotos dieser Zeit zeigen Elle McPherson mit Kylie Minogue, kichernd auf der Tanzfläche. Laurence Telier, das Mädchen aus Bryan Ferrys Don’t Stop The Dance-Video, posiert im Nonnenkostüm, ein Mann steckt mit dem Kopf zwischen ihren Beinen. John Galliano leckt dem Model Kristen McMenamy übers Gesicht. Einige Jahre lang war die androgyne Schönheit mit Boukobza liiert. Immer häufiger rastete der Clubbetreiber aus, doch die Party endete erst, als Boukobza 2010 im Kokainrausch begann, im Les Bains ganze Wände zu zertrümmern. Die Polizei ließ den Club wegen „Verstoßes gegen die Bauordnung“ schließen. Einsturzgefahr. Jean-Pierre Marois musste eine Lösung finden. Bevor die Umbauarbeiten begannen, lud er erst noch mal ein paar Street-Art-Künstler ein, um sich vier Monate lang in dem ohnehin baufälligen Gebäude auszutoben. Sie schmückten den Innenhof mit mehrere Stockwerke hohen Graffiti. Sie zerlegten Böden und bauten daraus Holzskulpturen. Sie spannten Labyrinthe aus Frischhaltefolie. Medien und Blogger berichteten über die spektakulären Arbeiten. Der Club war dicht. Aber das Haus blieb Gesprächsthema. Mit der Wiedereröffnung ist es auf den Stadtplan des Pariser Nachtlebens zurückgekehrt.

Am Ende des Rundgangs will der Hausherr noch etwas zeigen, „das Beste“, sagt er und öffnet eine Tür zum Untergeschoss. Der Weg führt durch Flure, vorbei an Abstellkammern, Küchen und Garderoben. Dann öffnet Marois eine Tür und knipst das Licht an. Ein Nachtclub mit Bühne, fast fertig eingerichtet. Groß genug für vielleicht 150 Personen. Schwarz-weiße Tanzfläche, weiß gekachelte Wände. Eine Miniaturausgabe des alten Les Bains. Die erste Band hatte hier schon ihren Auftritt: La Femme, ein Geheimtipp aus Biarritz, gaben Psychobilly-Punk, in Hotelbademänteln. Sogar einen Pool gibt es, kaum mehr als ein großes Planschbecken. „Für die Hotelgäste“, sagt Marois. Morgendliches Schwimmtraining statt under water love? Wirklich? Marois grinst. Dann hebt er in Siegerpose die Arme, ganz Herr über den Sündenpool: „Das Les Bains ist wieder da!“

Draußen ist es dunkel geworden. In der Küche massiert der Chef Michaël Riss mit Hingabe eine Rinderrippe. Im Restaurant werden die Gäste von den Deckenstrahlern diskret in Szene gesetzt wie Hermès-Handtaschen. An der Bar macht das Model Anja Rubik drei Männer nervös. Wenn schon die Schönheiten ins Les Bains zurückkehren, sind die Rockstars auch nicht mehr weit. Vielleicht kommen sogar die coolen Kids aus der Vorstadt wieder – wenn die Preise sie nicht abschrecken. 13 Millionen Euro hat es gekostet, das Haus aus dem Koma zu holen. Seine wichtigsten Daten sind auf die Hotelhandtücher gestickt: 1885 – 1978 – 2014. Eigentlich müsste es 2015 heißen, aber die Arbeiter wurden nicht wie geplant fertig. Egal. Was zählt schon ein Jahr angesichts dieser Vergangenheit? Im Les Bains ist die Nacht noch lange nicht vorbei.

Hotel Les Bains, 7 Rue du Bourg-l’Abbé, 75003 Paris, Tel. 0033-1/42 77 07 07 
DZ ab 490 Euro ohne Frühstück

Jessica Braun für DIE ZEIT

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