Kreuz- und Querdenkerin: Ein Interview mit dem Kreuzworträtsel-Genie Anna Shechtman

Anna ShechtmanAnna Shechtman war 14 Jahre alt als sie ihre Liebe zu Kreuzworträtseln entdeckte. Mit 19 schaffte sie es mit einer ihrer Denkaufgaben in die New York Times. Hier spricht die jüngste Kreuzworträtsel-Autorin des ehrwürdigen Blattes über ihre Liebe zur Sprache – und darüber, was es bedeutet, ein Wort-Nerd zu sein.

Frau Shechtman, Sie konstruierten Ihr erstes Rätsel mit 14 Jahren, in einem Alter, in dem andere Mädchen ihr Zimmer mit Starschnitten tapezieren. Sind Kreuzworträtsel nicht eher eine Beschäftigung für ältere Damen, die sich im Wartezimmer die Zeit vertreiben?

Vermutlich ja. Meine Freunde und Verwandten versichern mir zwar immer, meine Leidenschaft für Kreuzworträtsel sei „cool“. Aber ich fürchte, sie fassen den Begriff nur sehr weit, weil sie nicht „seltsam“ sagen möchten.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Durch eine Art Erweckungserlebnis im Kino. Ich war mit meiner Mutter in einer Vorstellung von „Wordplay“, einer Dokumentation über Kreuzworträtsel. Mir war bis zu diesem Tag nicht klar, dass es Menschen gibt, die sich diese Rätsel ausdenken. Ich dachte, diese würden unbefleckt empfangen oder seien zumindest computergeneriert – letzteres trifft in vielen Fällen auch zu. Der Film stellt die Macher und Fans vor, alles sehr skurrile, charmante Word-Nerds. Und mir wurde klar: Ich bin wie sie.

Andere 14-Jährige orientieren sich eher an Hollywoodstars…

Ich weiß! Eigentlich hätte ich mir in diesem zarten Alter eine Identifikationsfigur wie Greta Garbo suchen sollen. Aber ich verfiel Wort-Titanen wie Will Shortz und Merl Reagle, den Rätsel-Redakteuren der New York Times und des San Francisco Chronicle.

Hatte es davor schon Anzeichen für ihre Sprachbegeisterung gegeben? Hat sich zum Beispiel Ihre Mutter oft bei Ihnen beschwert, dass Sie ihr das Wort im Mund herumdrehen?

Nicht bei mir aber bei meinem Vater. Er ist Professor für Jura an der Columbia Universität und als Anwalt sehr versiert im Umgang mit Worten. Als ich klein war spielten wir ein lustiges Spiel: Er legte mir Gesetzesvorlagen zum Lesen hin und ich sollte die Tippfehler darin finden. Mein Vater hat mir gezeigt, wie viel Spaß Sprache machen kann.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Kreuzworträtsel konstruieren?

Ich gehöre zu den wenigen Autoren, die noch mit Papier und Bleistift arbeiten. Es gibt natürlich entsprechende Software, aber ich mag es, mich mit dem Wörterbuch hinzusetzen und zu tüfteln. Entweder beginne ich links oben. Oder mit dem ersten Wort, das zu meinem Thema passt.

Was meinen Sie mit Thema?

In der New York Times haben die Rätsel, die von Montag bis Donnerstag erscheinen, immer ein Thema. Vor Kurzem habe ich mir eines ausgedacht, das sich um die Raute dreht. Also das Zeichen, das auf der Telefontastatur zu finden ist, das man als Hashtag auf Twitter benutzt, das aber auch als Grundlage für eine Partie „Drei gewinnt“ herhalten kann. Die Hinweise darauf, welche Bedeutung gerade gesucht wird, habe ich verschlüsselt.

Wie lange brauchen Sie, um sich so ein Rätsel auszudenken?

Je nachdem, wie kompliziert das Thema ist und wie groß das zu füllende Gitter, brauche für ein Rätsel zwischen vier Stunden und vier Tage.

Gibt es ein Wort, das Sie besonders mögen?

Ein Lieblingswort habe ich nicht. Was mich an Wörtern fasziniert ist die Art, wie sich ihre Bedeutung mit der Zeit verändert. Erst kürzlich hat mich Will Shortz darauf aufmerksam gemacht, dass ich das Wort „fly“ – eigentlich „fliegen“ – gerade sehr häufig verwende. Allerdings nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung sondern im Sinne von „toll“, was nur Jugendliche tun. Ich mag den Gedanken, dass meine Art, mich auszudrücken, mit mir altern wird.

Sie sind nicht nur die jüngste Kreuzworträtsel-Autorin der New York Times. Ihr „Filmidol“ Will Shortz hat Sie gebeten, seine Assistentin zu werden. Wie kam es dazu?

Mit 19 Jahren hatte ich schon einige Rätsel in anderen Publikationen veröffentlicht. Mein damaliger Freund ermutigte mich, es nun auch endlich einmal bei der New York Times zu versuchen. Will Shortz hat mein Rätsel sofort gedruckt. Wir blieben in Kontakt und 2013 kam dann eine Email von ihm mit der Frage, ob ich seine Assistentin werden wolle. Damals hatte ich einen Studienplatz an der Sorbonne und das Flugticket nach Orly in der Tasche. Aber ich kündigte die Wohnung im 12. Arrondissement, ohne je eine Nacht dort verbracht zu haben. Es mag eine unorthodoxe Entscheidung gewesen sein, aber ich habe sie nicht bereut.

Die Rätsel-Fans der Zeitung gelten als sehr kritisch. Sie aber bekamen Lob, weil sie die Rätsel frecher gemacht haben. War es schwer, Ihren Chef für Lösungen wie „hell no“ oder „epicness“ zu gewinnen?  

Wir haben oft über Wörter gestritten – aber auf eine angenehme Weise. Manchmal musste ich mir auch mit Youtube-Clips behelfen, um ihn zu überzeugen. Zum Beispiel, als wir über die Bedeutung von „Bro“ diskutierten. Seit der TV-Serie „How I met your Mother“ steht das ja nicht mehr nur für „Bruder“ sondern auch für einen bestimmten Typ Mann. In diesem Fall hat er mir Recht gegeben. Ihm liegt viel daran, dass die Rätsel nicht nur die Sprache seiner Generation abbilden sondern auch meiner.

In wenigen Wochen werden Sie als Studentin nach Yale gehen, um Film und Literatur zu studieren. Welches Wort beschreibt Ihre Zeit bei der New York Times am besten?

Joyful. Freudvoll. Ich werde der Zeitung auf jeden Falls als Autorin treu bleiben. Das ist das Tolle an Kreuzworträtseln: Man kann sie bis ins hohe Alter konstruieren. Und lösen.

Jessica Braun für Experience

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