Zum Reinlegen: Übernachten in der Schokoladenfabrik

Die Willy-Wonka-Suite ist mit Motiven des Buchs

Schokoflüsse in der Willy-Wonka-Suite | © Jose Campos

Im portugiesischen Hotel Fábrica do Chocolate, einer früheren Konfekt-Manufaktur, ist das Leben von morgens bis abends schaumig süß.

Als ich die Augen öffne, starrt mich ein Schokoweihnachtsmann an. Jemand hat ihn zwischen Osterhasen und Schokoeier an die Wand geheftet. Auch am Kronleuchter baumelt Süßes. Durch die Jalousie fällt Sonnenlicht ins Zimmer und bringt die Aluminiumfolie des Konfekts zum Glänzen. Wären die Weihnachtsmänner und Hasen wirklich aus Schokolade, müssten sie jetzt um ihre Form fürchten. Aber sie sind nur aus Kunststoff, genau wie der große Schokowürfel neben dem Bett, auf dem mein Telefon liegt. Trotzdem riecht das ganze Zimmer nach Schokolade! Vielleicht liegt es am kleinen Tablett mit echten Pralinen, das seit gestern Abend auf dem Schreibtisch steht. Der Schokoweihnachtsmann glotzt wohlwollend. Mhm, Haselnussnougat mit Krokant. Der Tag könnte schlechter anfangen. Im Bad sehe ich durchs Oberlicht in den Himmel. Ein strahlender Wintermorgen. Kurze Trübung: Das Schokoduschgel färbt das Wasser wie Ochsenblut. Hatte Hitchcock für die Duschszene in Psycho nicht Schokosirup verwendet? Aber solche Gedanken verfliegen schnell in der Fábrica do Chocolate. Das portugiesische Hotel, in dessen Mauern wahrhaftig einmal Schokolade hergestellt wurde, ist dem süßen Leben gewidmet. Hierher kommt man zum Naschen.

Zu Gast in einer Schokoladenfabrik – im Kinderbuch des Schriftstellers Roald Dahl ist das so ähnlich wie ein Besuch im Schlaraffenland. Vor 50 Jahren schrieb Dahl Charlie und die Schokoladenfabrik: ein Märchen über die Firma des weltgrößten Schokoladenherstellers Willy Wonka, in der heiße Schokolade aus Flüssen geschöpft wird und Kühe Schokomilch geben. Auch in der Fábrica do Chocolate verbirgt sich hinter jeder Tür eine schokoladige Überraschung. Im Restaurant stehen den ganzen Tag über Kannen mit Kakao und schokoglitschende Kuchen bereit. An der Bar wird Schokolikör übers Eis gegossen, die Masseuse glättet Gästen die Haut mit Kakaobohnen-Peelings, und der Hotelshop verkauft nur Dinge, die nach Kakao schmecken oder zumindest riechen. Im Untergeschoss des Hotels gibt es sogar ein Kakaomuseum. Im ganzen Haus: Schokolade satt. Und ich mittendrin. Kakao soll die euphorisierende Substanz Phenylethylamin enthalten. Den Stoff, der Verliebte die Bodenhaftung verlieren lässt. In einer, zwei, drei, vier Tafeln Schokolade ist die Menge zu gering, um sich bemerkbar zu machen. Aber ich bin in einem Schokoladenhotel und bereit für mein erstes massives Schoko-High.

Für Schokoladenliebhaber ist Portugal normalerweise kein besonderes Sehnsuchtsziel. Und rund um Viana do Castelo, eine 40.000-Einwohner-Stadt im Norden, an der Mündung des Rio Lima, gibt es auch weder Kakaoplantagen noch Almwiesen. Aber ausgerechnet in Viana gründete José Lima vor 100 Jahren Portugals erste Schokoladenfabrik. Er nannte sie Avianense – die Vianenser. Die Bombons Imperador, sein mit Mandeln gespicktes Schokokonfekt, verkauften sich bestens. Bis heute erinnert der zuckrige Geschmack dieser schlichten Pralinen viele Portugiesen an ihre Kindheit. 1922 ließ der erfolgreiche Fabrikant in der Altstadt einen neuen Firmensitz im Stil des Modernisme errichten: den stuckverzierten Bau, hinter dessen Fassade seit sechs Monaten das Themenhotel Fábrica do Chocolate untergebracht ist. Denn Avianense ging 2004 pleite. Acht Jahre lang stand das Gebäude leer, bevor es von drei Investorinnen gekauft wurde.

Jetzt sind 13 Zimmer und 5 Suiten im Haus untergebracht. Jedes der Zimmer ist einem anderen Schokoladenaspekt gewidmet. Theobroma Cacao zum Beispiel ist der lateinische Name des Kakaobaumes. Eine Fototapete zeigt sein Geäst und die ledrigen Früchte. Die Nachttische sind mit echten Kakaobohnen gefüllt. Herausnehmen erlaubt. In einem anderen Raum schmückt ein Relief die Wand: Zu sehen sind Symbole aus den Maya-Codices, die das Wort Kakao beinhalten. Und natürlich gibt es auch ein Willy-Wonka-Zimmer mit Samtzylinder als Nachttisch. Das Kopfteil des Betts ist ein riesiges Goldenes Ticket – die Eintrittskarte in Wonkas Schokoladenwunderland. Nur der Raumduft ist in allen Zimmern derselbe: ein extra für das Hotel angefertigte Parfum, das schokoladig, aber nicht klebrig riecht. Meine Suite wurde in Kooperation mit der portugiesischen Marke Regina eingerichtet. An der Wand ist eine maritime Szene im Vintage-Look zu sehen: ein livrierter Kapitän plaudert mit einem urlaubenden Pärchen an Deck eines Schiffes. Die Illustration ist der Caixa Tabletes Turista entlehnt, einer 100-Gramm-Tafel Zartbitterschokolade, die von Regina einst als „besonders für Touristen geeignet“ beworben wurde. Auch das übrige Dekokonfekt des Zimmers findet sich im Regina-Sortiment. Kurzer Blick in den Kühlschrank: Neben Mineralwasser und Chips enthält er eine Flasche Young’s Double Chocolate Stout, Schokoriegel und drei Tafeln Schokolade.

Zum Frühstück tut sich eine überraschende Alternative zur heißen Schokolade auf: Aus dem Fruchtfleisch der Kakaopflanze lässt sich Sumo de Polpa de Cacau pressen. Ein Saft, der wie geschlagenes Eiweiß aussieht und nach Quitte schmeckt. Neben dem Brotkorb sprudelt ein Schokoladenbrunnen. Ich häufe frische Ananas, Trauben und Melone auf den Teller und löffle warme Schokosoße darüber. Obst und Saft – eine ausgewogene Diät.

Zum Reinlegen: Hotel Fábrica do Chocolate

Das Hotel von außen | © Jose Campos

In der Lobby treffe ich Goretti Silva. Die 41-Jährige hat das Fabrikgebäude gemeinsam mit ihrer Schwester und einer Freundin gekauft, um das Viertel drumherum wiederzubeleben. „Die Schokoladenfabrik war so etwas wie ein Wahrzeichen“, sagt sie, „und einer der drei großen Arbeitgeber in der Stadt.“ Früher hätten Großeltern ihre Enkel mit zur Fabrik genommen, um ihnen im Werksladen Konfekt zu kaufen. Ursprünglich wollte Silva nur ein Museum im Haus eröffnen. „Aber die beiden anderen haben mich überzeugt, dass sich das alleine nicht rentiert.“ Hauptberuflich arbeitet Silva als Dozentin an einer Hochschule für Tourismus, die Hotelleitung teilen sich deswegen drei Angestellte, darunter der Küchenchef Pedro Araújo. Er ist für alles im Haus zuständig, was mit Essen zu tun hat – auch für die regelmäßigen internen Schokoladenverkostungen, an denen vom Zimmermädchen bis zur Museumsangestellten alle teilnehmen. „Bestenfalls lernen unsere Gäste etwas über Schokolade, das sie vorher noch nicht wussten“, sagt Silva. Dafür brauche es jedoch Mitarbeiter, die selbst etwas von Genuss verstehen.

Bevor ich ins Museum gehe, will ich mir die Stadt ansehen. Vor der Tür zupft ein ungeduldiger Wind an meinem Mantel. Mütze und Handschuhe habe ich in Deutschland gelassen. Leider auch die Sonnenbrille. Der Lima gleißt. Ich blinzele ihm zu. Auf dem Berg über der Altstadt steht die Wallfahrtskirche Santa Luzia. Dahinter liegt die Pousada Monte de Santa Luzia, ein altes Grandhotel. Ein Auto rumpelt über Kopfsteinpflaster in Richtung Hafen. Weiter östlich beginnen die Strände des Atlantiks. Viana do Castelo war lange eine wohlhabende Stadt. 70 Schiffe zählte die städtische Flotte. Von hier segelten die Kaufmänner hinaus in die Welt und brachten Schätze mit zurück. Die Renaissancearchitektur der Kaufmannshäuser und die von Gustave Eiffel über den Rio Lima gespannte Eisenbrücke stammen aus dieser „goldenen Zeit“.

In der Fábrica do Chocolate stellt die Kellnerin am Nachmittag eine Kanne mit heißer Schokolade auf den Tisch. Jeder Schluck ist schaumig süß und ein bisschen staubig – wie flüssiger Schokopuder. Ich habe mich mit Adriano Silva verabredet, dem früheren Manager von Avianense. „Ein schönes Restaurant nicht? Ich komme gern auf einen Kaffee vorbei“, sagt er zur Begrüßung. Silva, nicht mit der Besitzerin verwandt, ist 73 Jahre alt. Schokolade war lange sein Lebenselixier. Selbst heute zehrt er noch von seinen Tagen in der Schokoladenfabrik. „Ich war vom Personal bis zur Verpackung für alles zuständig. Den Schriftzug auf den Bombons Imperador habe ich entworfen.“ Silva fing in den Sechzigern bei Avianense an. Als er 27 war, beförderte ihn der Besitzer der Schokoladenfabrik zum Manager. „Ich hatte einen Schlüssel und konnte jederzeit ins Gebäude“, erinnert er sich. „Wenn den Cafés sonntags die Pralinen ausgingen, riefen sie mich an.“ Dann setzte er sich mit einer Kiste voll Süßigkeiten aufs Rad und belieferte die Kunden. 160 Menschen arbeiteten damals in der Fábrica do Chocolate, die nicht nur Kakao verarbeitete, sondern auch Kaffee röstete. „In den Straßen“, sagt Silva, „duftete es wunderbar.“

Im Museum, das unter dem Hotel liegt, wird die Geschichte der Schokolade erzählt. Die Ausstellung, mit 3-D-Animationen, Touchscreens und Mitmach-Manufaktur, führt von den Kakaobäumen des tropischen Regenwalds über die Maya und Olmeken zu den Schokoladen-Pionieren Henri Nestlé und Rodolphe Lindt und bis nach Hollywood. Wer hätte gedacht, dass Johnny Depp in vier Filmen über Schokolade mitgespielt hat? Adriano Silva begleitet mich durch die Räume. Ich frage ihn, wie er eigentlich seine Mitarbeiter vom Naschen abgehalten hat. „Ach“, sagt er, „wenn sie neu waren, haben wir ihnen so viel flüssige Schokolade zu trinken gegeben, dass sie erst mal keinen Appetit mehr darauf hatten.“ Ich muss an die Maya denken, die ihren Opfern vor deren Hinrichtung Kakao einflößten, um sie den Göttern schmackhaft zu machen. Und dann an die Pralinen, die noch in meinem Zimmer stehen. Mein Phenylethylalanin-Spiegel ist eindeutig zu niedrig.

Im Hotelshop könnte ich ihn gezielt hochtreiben. In den Vitrinen liegen Schokoladen und Konfekt aus aller Welt. Grand Crus aus Peru und Mexiko. Tafeln, die mit exotischen Tieren oder Gewürzen bedruckt sind. Kaffeetäfelchen aus Frankreich und weiße Barren aus Spanien. Und natürlich die Bombons Imperador, die im Hinterland hergestellt werden, seit ein Fabrikant die Marke Avianense 2005 aufgekauft hat.

In einem schummerig-braunen Zimmer im zweiten Stock wartet Cristina auf mich, meine Masseurin. Sie hat ein Einweckglas mit Kakaobutter über einem Teelicht erwärmt. Es riecht nach Mousse au Chocolat. Damit werde ich nun gewalkt und geknetet wie ein Schokobrötchen vor dem Backen. Ein angenehmes Gefühl: Die Butter schmilzt richtig auf der Haut. Nach 20 Minuten grummelt mein Magen. Cristina sagt, das ginge jedem so, der die Schokomassage bucht: „Der Geruch macht Appetit.“ Als sie nicht hinsieht, lecke ich meinen Ellbogen ab. Schmeckt süß. Dann wird meine Zunge taub. In Willy Wonkas Schokoladenfabrik wäre das der Zeitpunkt für die Oompa Loompas, ein belehrendes Lied anzustimmen. Aber anders als in Roald Dahls Märchen wird in der Fábrica do Chocolate kein Besucher für seine Gier bestraft. Er bekommt nur noch mehr Schokolade.

50 Plätze hat das Restaurant. Doch an diesem Abend sitzt nur ein Paar am Fenster. Die beiden sind zu sehr mit Flirten beschäftigt, um hochzusehen. Muss das Phenylethylalanin sein. Im Restaurant wird alles mit Kakao gekocht, es muss aber nicht alles danach schmecken. Pedro Araújo, der Küchenchef, kommt zu mir an den Tisch, als ich über einer Consommé mit knusprigen Linsen und intensivem Pilzgeschmack sitze. Ich koste vom Brot, das fest und dunkel ist. Araújo mischt Grué unter den Teig: geröstete und zerstoßene Kakaobohnen, die den Teig herb machen. „Oder der Suppe Struktur geben“, ergänzt er. Auch die in Kakaobutter angeschwitzte Polenta, mein Hauptgang, leuchtet fröhlich gelb auf dem Teller und schmeckt kein bisschen nach Kakao. Dafür ist der Kuchen zum Nachttisch eine Bombe. Death by chocolate.

Die noch übrigen Pralinen auf dem Zimmer lasse ich bei der Abreise zurück. Der weibliche Körper, heißt es, besteht bis zu 55 Prozent aus Wasser. Nach meinem Besuch in der Fábrica do Chocolate besteht meiner sicher zu 55 Prozent aus Kakao.

Hotel Fábrica do Chocolate, Rua do Gontim, 70–76, 4900-474 Viana do Castelo, Tel. 00351-258 24 40 00, DZ ab 110 Euro

Jessica Braun für DIE ZEIT

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