Mein Kleid twittert: Wearables und die Zukunft der Mode

Die Zukunft ist schneller da, als wir „morgen“ sagen können. Und schmiegt sich mit neuer Technik ganz eng an unseren Körper. Wo führt es hin, wenn unsere Socken die Jogging-Route kennen? Und wer designt morgen unsere Kleider?

Als die New Yorker Designerin Diane von Furstenberg vor zwei Jahren ihren Models Google Glasses aufgesetzt hatte, war das ein echter Wow-Moment für die Modewelt: Neben dem Runway konnte man auf einem großen Screen den Blick durch ihre Brillen live sehen. Wenn man in diesem Winter mit einem grünen Alexander-Wang-Mantel von draußen nach drinnen ins Warme kommt und das gute Stück plötzlich blau wird, ist das futuristisch, aber auch spielerisch und unglaublich fashionable. Und dass die Apple Watch exakt während der New Yorker Fashion Week 2014 vorgestellt wurde, ist auch kein Zufall und macht ganz klar: Mode und Technologie sind zum neuen Traumpaar geworden. Und das gilt nicht nur für Accessoires. Die neue Technik schlüpft ab sofort in nahezu jedes Kleidungsstück. Aber wie genau fühlt es sich denn an, wenn der Pullover unsere Facebook-Seite updatet? Wenn die Hose den Akku unseres Smartphones auflädt, die Socken unsere Jogging-Route kennen? Kann ich den Pullover abschalten? Dürfen die Socken in die Waschmaschine? Ist es nicht gefährlich, einen blinkenden Ring, der uns neue Mails meldet, während des Autofahrens zu tragen? Und, nicht unwichtig, was passiert mit meinen Daten über Herzfrequenz, Gewicht und Co.? Denn was auf unserer Haut gemessen wird, kann irgendwo im Netz gesammelt werden.

Das alles klingt nach Zukunftsvision, existiert aber schon und wird ganz bald alltäglich sein. Heimlich, still und leise gab es da einen echten Quantensprung von der Hand auf die Haut. Die meisten von uns werden darüber nicht weiter nachdenken. „Wir haben uns heute daran gewöhnt, dank des Internets jederzeit Zugang zu sozialen Netzwerken und zu Informationen zu haben“, erklärt Maribeth Gandy Coleman, Leiterin des Interactive Media Technology Center der Georgia Tech Universität in Atlanta und des Zentrums für Wearable Computing. „Aber hätte man den Menschen in den 90er-Jahren prophezeit, dass sie in absehbarer Zeit tagein, tagaus einen kleinen PC an ihren Körpern tragen würden, hätte sie das vermutlich erschreckt.“ Gandy ist überzeugt, das iPhone habe entscheidend dazu beigetragen, dass wir Technik immer näher an unseren Körper lassen. „Mit seinen anfangs noch gerundeten Rändern war es ein Handschmeichler.“ Und das Wischen über den Touchscreen im Vergleich zum Knöpfchendrücken eine nahezu zärtliche Geste.

In diesem Ring der Designerin Tory Burch lässt sich der Fitbit-Tracker verstecken.

In nur wenigen Jahren haben sich Smartphones zu tragbaren Vertrauten entwickelt, bei denen jedes Detail unseres Lebens gut aufgehoben scheint: wie viele Schritte wir am Tag gehen, ob wir zugenommen haben, wie tief unser Schlaf war. Eingesammelt werden diese Daten meist noch von Trackern. Weil diese oft nerdig aussehen, entwarf die Designerin Tory Burch zierliche Armreife und Anhänger für Fitbit, in denen sich der Sensor verstecken lässt. Der Hersteller Withings verpackte seinen neuesten Bewegungsmesser „Activité“ gleich im eleganten Gehäuse einer Schweizer Uhr. Gandy: „Was wir brauchen, sind mehr Anstöße aus der Modeindustrie. Wir möchten schließlich attraktive Lösungen finden.“ Dass diese Lösungen kommen, daran besteht kein Zweifel. In den nächsten drei bis fünf Jahren, so eine Prognose im „Forbes“-Magazin, werden Konsumenten dafür jährlich zwischen 30 und 50 Milliarden Dollar ausgeben. Apple hat sich schon als Style-Unterstützung die US-Amerikanerin Angela Ahrendts, zuvor Geschäftsführerin bei Burberry, und den Belgier Paul Deneve, der bereits Führungspositionen bei Lanvin, Nina Ricci und zuletzt Saint Laurent bekleidete, geholt.

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Kommunizierendes Armband von Rebecca Minkoff

Auf der Fashion Week präsentierte die US-Designerin Rebecca Minkoff zwei auffällige Armreife mit versteckter Technik. Der eine hilft mit seiner USB-Schnittstelle, den Akku des Handys aufzuladen. Der andere leuchtet diskret, wenn ein Anruf oder eine Textnachricht eingeht. Diese Funktion hat sich Minkoff bei der Firma Ringly abgeschaut. Deren Ringe aus 18-Karat-Gold summen oder leuchten – je nachdem, ob sich der Flirt per SMS für den schönen Abend bedankt oder Oma zum Geburtstag anruft. Der mit Schlangenleder bezogene Armreif „Mica“, eine Kooperation des Chip-Herstellers Intel mit Opening Ceremony, empfängt Nachrichten sogar direkt. Das Handy kann zu Hause bleiben.

Der Ringly meldet diskret, wenn eine SMS eingeht.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis intelligente Materialien tragbare Geräte überflüssig machen“, prophezeit Gesche Joost, Professorin für Designforschung an der Berliner Universität der Künste, „schon bald könnte jedes Kleidungsstück direkt mit dem Internet verbunden sein.“ Unter ihrer Leitung haben Studenten unter anderem eine schicke Strickjacke für Herzpatienten entwickelt. Diese ermöglicht es dem Träger, im Notfall mit einer Handbewegung Hilfe zu rufen. Ähnlich wie die glamourösen Armspangen der US-Firma Cuff, über die man Freunden einen Notruf mit Koordinaten senden kann – zum Beispiel, weil man beim abendlichen Joggen von Fremden bedrängt wird. Zum Glück seien die für intelligente Mode verwendeten Module und Mikrochips heute schon so günstig, so Joost, dass diese theoretisch morgen in das komplette Sortiment der großen Textilunternehmen eingesetzt werden könnten. Sofern sie die Hitze beim Bügeln vertragen oder den Schleudergang in der Waschmaschine. Der macht den Sportsocken von Sensoria nichts aus. Diese sollen unter anderem die Laufroute mittels integriertem GPS aufzeichnen. Im BH des Sportartikelherstellers ist der Tracker gleich eingebaut. Auch die biometrischen T-Shirts von Omsignal sollen Daten über Puls und Bewegungen direkt auf der Haut sammeln. Trainiert man nicht hart genug oder reagiert auf die Anforderungen seines Chefs mit Schnappatmung, gibt die Smartphone-App sofort Rückmeldung.

Bubelle from Studio XO on Vimeo.

Klar, dass sich auch die Kunst mit dieser schönen neuen Welt beschäftigt. Der Designer Stijn Ossevoort experimentiert seit 2007 mit Biofeedback-Funktionen in Kleidung. Sein „Bubelle“-Kleid, eine Studie für den Technikkonzern Philips, scheint aus Seifenblasen gemacht. Diese verändern warnend die Farbe, wenn ein Gesprächspartner die Trägerin nervös macht. „Normalerweise versuchen wir, unsere Schwächen mit Kleidung zu verstecken“, sagt Ossevoort, „mein Entwurf dagegen macht Unsicherheit sichtbar.“ Und es geht noch leiser, geradezu poetisch: Ossevoorts „Flare Dress“, ebenfalls eine Studie, reagiert auf die Elemente. Wenn Wind den weißen Stoff berührt, beginnen die applizierten Pusteblumen zu leuchten. In stürmischen Sommernächten verwandelt das Kleid die Trägerin in ein Glühwürmchen. Romantische Effekte lassen sich auch mit den Spitzenkleidern der in Holland lebenden Designerin Meg Grant erzielen. Im Besatz verbergen sich Sensoren und Lautsprecher, die bei Berührung ein Gedicht erklingen lassen.

Sensoren, die Texte in unserer Kleidung speichern. Materialien, die auf die Lebenszeichen unseres Körpers hören und auf unsere Gefühle reagieren. T-Shirts, die eine vom Partner gesimste Umarmung auf unsere Haut übertragen – so vieles ist schon machbar. Alexander Wang verarbeitete in seiner Kollektion für diesen Winter Stoffe, die bei Temperaturschwankungen die Farbe ändern. Auf dem Laufsteg waren die Jacken und Kleider eine Sensation. An der besten Freundin fänden wir sie vielleicht noch ein bisschen zu verrückt. Aber haben das unsere Eltern nicht vor 20 Jahren auch über Mobiltelefone gedacht? Und wir vor zehn Jahren über Smartphones? „Die Grenze zwischen Mensch und Technik wird in naher Zukunft obsolet sein“, sagt Gesche Joost. So viel ist sicher: Wenn sich Designer wie Wang schon jetzt mit den neuen Technologien befassen, werden wir in Zukunft auf jeden Fall fantastisch aussehen.

Jessica Braun für Glamour

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