Goldsuche vor Key West: Du bist ja so versunken, Schatz!

key-west-taucher

Über Wasser: Die »J.B. Magruder«, das Schiff der Schatzsucher – und zwei Mitglieder ihrer Crew | © Jessica Braun

Vor Key West liegt die Ladung einer spanischen Galeone im Meer. Amerikanische Profitaucher suchen seit Jahrzehnten nach den Perlen und Smaragden. Manchmal nehmen sie Helfer mit.

Wenn Vincent Trotta ein bisschen angeben will, dann erzählt er von dem Tag, an dem es Smaragde auf ihn regnete. Der Profitaucher sitzt an Deck der J.B. Magruder, umringt von jüngeren Mitgliedern der Besatzung. Ein Mann mit der Präsenz eines Walrossbullen, darauf geschult, im Wasser die Ruhe zu bewahren. Doch auf das, was er vor 30 Jahren erlebte, hatte ihn die Ausbildung nicht vorbereitet: „Ich schaute vom Meeresgrund nach oben“, sagt er, „und ein Schauer aus Smaragden kam herunter. Unzählige glitzernde, grüne Steine!“ Eine Filtervorrichtung am Boot hatte einen Sack mit Smaragden angesogen und zerrissen. Mehr als 2.000 Edelsteine klaubten die Taucher an diesem Tag vom Meeresboden. Ein Vermögen. Aber nur ein Bruchteil dessen, was sie den Sommer über bergen sollten.

Die Smaragde gehörten zur Fracht der Nuestra Señora de Atocha: Anfang des 17. Jahrhunderts segelte die spanische Galeone mit der Silberflotte von Spaniens König Philipp IV., brachte Reichtümer aus den Minen der Neuen Welt nach Europa. Am 4. September 1622 stachen 28 Schiffe von Havanna aus in See. Auf Höhe der Marquesa Keys, einer Inselgruppe vor Florida, brach ein Hurrikan los. Der Sturm trieb die Atocha auf ein Riff, und sie sank. Von 265 Menschen an Bord konnten nur fünf gerettet werden. Und die Ladung verstreute ein zweiter Hurrikan 16 Kilometer weit im Meer. Was nicht verrottete, deckte die Zeit mit Sand zu. Ein Großteil wurde in den vergangenen Jahrzehnten geborgen. Doch noch immer sollen Reichtümer im Wert von über hundert Millionen Dollar auf dem Meeresgrund liegen. 36 Hobbytaucher pro Jahr dürfen den Profis helfen, danach zu tauchen. Für zwei Tage werde ich mit auf Schatzsuche gehen – wie Jim Hawkins in der Schatzinsel .

Ein Motorboot hat mich und vier andere Gäste zur J.B. Magruder gebracht, die fast das ganze Jahr lang auf dem offenen Meer zwischen Kuba und Key West unterwegs ist. Zwei barfüßige Taucher mit gesalzenen Haaren und „Live Faster“-Tattoos auf der Brust halfen uns an Bord und hievten unsere Ausrüstung herüber. Jetzt sitzen sie auf weißen Plastikstühlen mit uns an Deck. Gemeinsam lauschen wir Vincents Geschichten über regnende Edelsteine – und über Mel Fisher, Floridas erfolgreichsten Schatzjäger, der 1998 verstarb.

Fisher war ein Indiana Jones der Meere, der auf Rochen ritt und mit Haien rang. So wird es zumindest erzählt. In den 1950er Jahren eröffnete er mit seiner Frau Dolores, damals Weltrekordhalterin im Dauertauchen, einen Tauchshop und machte den Sport in den USA populär. Gemeinsam erforschten sie Dutzende Wracks, begründeten Floridas Unterwassergoldrausch. Ihre Lebensaufgabe aber war die Atocha. 16 Jahre lang suchten die Fishers nach der Galeone. Tag für Tag motivierte Mel sein Team mit einem „Today’s the day!“, heute ist es so weit. Ihre Verbissenheit kostete sie nicht nur ein Vermögen – fünf Menschen verloren ihr Leben. Kein Schatz ohne Fluch. „Schatztauchen ist für uns kein Beruf. Es ist eine Krankheit“, wird Dolores zitiert. Und wie die Helden eines Abenteuerromans wurden die Fishers am Ende für ihre Leiden belohnt. Am 20. Juli 1985 stießen zwei ihrer Taucher auf das, was vom Rumpf der Atocha übrig war. Und auf Gold und Silber im Wert von über 400 Millionen Dollar. Die Fishers erkämpften sich die Rechte daran vor dem Obersten Gerichtshof. Und wurden fortan nicht mehr belächelt, sondern hofiert: als Könige von Key West.

Die J.B. Magruder gehört zur Flotte des Familienunternehmens Mel Fisher’s Treasures. Und einer der beiden Taucher, die vor 30 Jahren den Schatz entdeckten, ist heute unser Kapitän: Andy Matroci, ein braun gebrannter Lockenkopf. Matroci ist der dienstälteste Taucher hier und der einzige ohne Tattoo. Mit seiner liebenswürdigen Art könnte er Stürme zum Abdrehen überreden. Das beruhigt vor allem mich, denn mit meinen 22 Tauchgängen bin ich die Sprotte an Bord. Die anderen Hobbyschatzjäger – die befreundeten Rentner John, Jerry und Paul sowie Johns Neffe Kirk – bringen es zusammen auf über 300 Lebensjahre und mehr als 1.000 Tauchgänge. Höhlen, Wracks, Haie, Mantas, Seekühe? Alles schon abgehakt.

Während wir in unsere Neoprenanzüge steigen, wummern die „Mailboxes“. Sie sind neben Magnetometer, Metalldetektoren und GPS das wichtigste Instrument der Profischatztaucher: mit Propellern bestückte Röhren, die vom Boot ins Wasser gelassen werden. Auf dem Grund pusten sie den Sand beiseite wie ein Föhn, sodass ein kreisrundes Stück Meeresboden freigelegt wird; etwa sechs Meter im Durchmesser. Mel Fisher, der Erfinder dieser Geräte, nannte sie Mailboxes, obwohl sie wegen ihrer Größe eher an Schornsteine als an Briefkästen erinnern. Floridas Meeresboden muss dank ihnen doch aussehen wie ein Schweizer Käse? Der Kapitän winkt ab: „Wir machen nichts kaputt. Da unten gibt es nur Sand.“

Unter Wasser: Jessica Braun erforscht den Meeresgrund. | © Sharon Drager

Und Gold. Wer einmal Gold im Meer findet, ist der Suche verfallen. Darin sind sich die Taucher einig. Holz verrottet, Silber wird schwarz. Gold aber bleibt, wie es ist. Ich würde diesen mythischen Glanz, von dem alle sprechen, zu gerne selbst sehen. Doch erst mal muss ich meinen Mut zusammennehmen. „Wichtig ist, dass ihr so rasch wie möglich zum Grund taucht“, ermahnt uns Matroci, „sonst trägt euch die starke Strömung hier in Richtung Kuba! Uns sind schon ein paar Gäste abgedriftet.“ Auf die üblichen Sicherheitsmaßnahmen – Jacket aufblasen, nach dem Sprung vom Boot Okay signalisieren – sollen wir lieber verzichten. Ich versuche, hartgesotten auszusehen, werde aber nun doch nervös. Wie peinlich das wäre: unfreiwillig auf große Seereise zu gehen und sich retten lassen zu müssen! Außerdem habe ich gelesen, dieses Gebiet sei „haiverseucht“. Auf einmal schnürt mir mein Neoprenanzug den Hals zu.

Und dann tauche ich auf den Meeresboden ab

Zwei der Profi-Schatzsucher ziehen statt Neoprenanzügen T-Shirts und Baumarkt-Knieschoner an. Einer nimmt einen Metalldetektor. Auf ein Zeichen des Kapitäns springen sie von Bord. Tauchen ab. Die Wellen schnalzen ans Boot, die Eisenleiter im Wasser hebt und senkt sich. Jemand versetzt mir einen helfenden Stoß. Mit einem Platsch wird die Welt türkisgrau. Unter mir steigen Luftblasen auf. Ich folge ihnen zwölf Meter in die Tiefe, bis zu einer Kante aus Sand: dem Kraterrand des frei gepusteten Lochs. Dort paddele ich in die Mitte, lasse mich auf die Knie sinken. Kalkstein schürft meine Haut unter dem Neoprenanzug auf. Es stört mich nicht: Der Meeresboden ist eine fremde Zauberwelt. Alles ist weiß, keine Form gleicht der anderen. Am Kraterrand hat die Mailbox Sand, Korallenkalk und Fischskelette zu monochromen Wänden aufgeschichtet. Direkt vor mir erhebt sich ein Berg fein ziselierter Muscheln, liegen fußballgroße Schneckengehäuse zwischen zart gemusterten Knochenplatten, mit denen man Frisbee spielen könnte. Aus einer Mulde im Boden schlängeln sich Würmer. Ein Schatten zieht vorbei. Ein Rochen.

Fundstücke aus dem Wrack der Atocha | © Jessica Braun

Die anderen Hobbytaucher fächern schon fleißig. Einer der Profis hat uns gezeigt, wie man Münzen findet: mit der Hand fest in die Mulden im Boden wedeln, damit der Sand aufsteigt. Mit Glück verbirgt sich darunter etwas von Wert, denn Metall sinkt immer nach unten. Auch vorsichtig graben sollen wir; mit beiden Händen Muscheln und Kalk umwälzen. Ich tauche meine Hand in eine Kraterwand. Sie beginnt zu rutschen, eine Muschellawine kommt mir entgegen. Schatztauchen ist wie den Ehering im Sandkasten suchen. Nur ohne zu wissen, wie der Ehering aussieht. Wie soll ich hier etwas finden?

Hinter mir knarzt der Metalldetektor. Ich hangele mich zu dem Profitaucher. Er hält mir einen Gegenstand hin. Einen Kalkbatzen? Er drückt mir den Klumpen in die Hand. Schwerer als erwartet. Offenbar verbirgt sich unter der Kruste Metall. Hätte ich das mal gefunden! Aber wir Gäste bekommen keinen Metalldetektor – die Geräte sind zu empfindlich und teuer. Eigentlich ein Grund zu meutern. Der Mann signalisiert mir aufzutauchen. Oben zerrt die Strömung an mir, doch ich bekomme die Leiter zu fassen. Eine Hand hievt mich ins Boot. „Du bist ja außer Atem“, stellt Vincent fest. „Dabei hast du nicht mal was gefunden.“ Aber immerhin überlebt, denke ich.

Mein Mittaucher Jerry hatte mehr Erfolg: Er hält mir eine schiefergraue Scherbe entgegen. „Sie ragte vor mir aus dem Sand“, sagt er und sieht ziemlich aufgeregt aus. Auch der Kalkklumpen wird an Bord gebracht. Der Kapitän wiegt ihn in den Händen. Auf der J.B. Magruder gibt es Regeln für den Umgang mit Funden: Alles muss dem Kapitän ausgehändigt werden. Er katalogisiert jedes Artefakt, dann kommt es zum Schutz vor Korrosion in ein Salzwasserbecken. Im Firmengebäude auf Key West werden alle geborgenen Güter im Labor untersucht und konserviert. Oft zeigt sich erst dort, was sich unter der Kruste verbirgt. Auch Jerry muss seine Scherbe abgeben. Gasttaucher wie er bekommen ein ähnliches, bereits restauriertes Stück aus der Schatztruhe der Fisher-Familie – im Wert von bis zu 3.000 Dollar. Etwa ein Viertel der Gäste findet etwas.

Am nächsten Morgen erhalten wir eine Führung durch das Quartier von Mel Fisher’s Treasures: eine alte Marinebasis auf Key West. Das graue Steinhaus beherbergt ein Museum, Labore, Büros und Verkaufsräume. Im Museum bestaunen wir einige traumhafte Atocha- Funde: ein Smaragdkreuz, einen Giftkelch, einen Sternhöhenmesser zur Navigation. Andere Stücke glänzen in den Vitrinen des Verkaufsraums nebenan: Vor allem bei den Kreuzfahrttouristen, die täglich auf der Insel anlanden, sind sie beliebte Souvenirs.

Im Obergeschoss sitzt Kim Fisher in seinem Büro. Der Schatzsucher kommt nach seinem Vater: ein Hüne, der seine Mitarbeiter in Grund und Boden lächeln kann. Auf seinem Schreibtisch liegt ein 31-Kilo-Silberbarren. Als Briefbeschwerer unpraktisch, aber eine tolle Deko. Er gehörte zu dem Teil des Schatzes, den die Taucher im Juli 1985 fanden. Damals, erinnert sich Fisher, fehlten ihnen die Geräte, um ihn zu bergen. Sie improvisierten, ließen einen Einkaufswagen an einer Kette hinunter: „Fünf solcher Barren kann man gleichzeitig darin nach oben ziehen. Nimmt man sechs, bricht der Wagen auseinander.“ Schatzsucher war immer Fishers Traumberuf. Als Neunjähriger durfte er zum ersten Mal mit dem Vater in die Tiefe. Als Zwölfjähriger entdeckte er beim Freitauchen seine ersten Goldmünzen: „Ich sammelte Dublonen ein, bis mir die Luft ausging.“ Als er mit blauen Lippen und vollen Händen wieder an Deck kletterte, sei sein Vater sauer gewesen: „Es war das einzige Mal, dass er schimpfte.“

Kim Fisher führt die Suche seiner Eltern fort. | © Jessica Braun

Der Adrenalinrausch bei der Schatzsuche sei mit nichts zu vergleichen, sagt er und streicht sich über die Arme. Eine Geste wie im Fieber. „Schon der Gedanke daran bereitet mir Gänsehaut.“ Seine Mutter hatte recht, denke ich. Schatztauchen ist eine Krankheit. Ich spreche ihn auf den Fluch der Atocha an. Auf die fünf Menschen, die bei der Suche nach dem Wrack ihr Leben ließen: Ein Taucher erlag dem Tiefenrausch. Ein Kind wurde von der Schiffsschraube getötet. Drei Menschen ertranken im Schlaf, als eines der Boote sank, darunter Kim Fishers Bruder Dirk und dessen Frau. Warum machte die Familie trotzdem weiter? „Mein Bruder hätte das so gewollt. Und ich glaube, er hat immer über uns gewacht.“ Der Tag, an dem die Fishers ihren Schatz fanden, war Dirks zehnter Todestag.

Wer etwas Wertvolles entdeckt, erhält einen Bonus

Vielleicht werden noch Kims Enkel Jagd auf die Ladung der Atocha und anderer Wracks machen. Gerade durchsuchen seine Boote vor Floridas Küste das Meer nach einem Handelsschiff, dessen Namen Fisher aus Angst vor der Konkurrenz noch geheim hält. Und auch in die Tiefsee wagt sich das Unternehmen vor. 3,5 Millionen investiert Mel Fisher’s Treasures im Jahr in verschiedene Projekte. Das Budget stammt von bis zu 200 Investoren. Jeweils ein Jahr lang kann man sich einkaufen, für mindestens 12.500 Dollar. Birgt das Unternehmen mehr, als es für die Suche ausgibt, wird der Gewinnüberschuss an die Teilhaber ausgezahlt. In Artefakten, nicht in Bargeld. Dazu dürfen die Investoren mittauchen, sooft sie wollen. Und den ersten Fund behalten – auch wenn dieser mehr Wert ist als 3.000 Dollar. Die Tauchreise, an der ich teilnehme, ist vor allem eine Werbemaßnahme, um neue Geldgeber zu akquirieren.

„Today’s the day!“, ruft der Kapitän am nächsten Morgen auf der J.B. Magruder, als wir uns für den ersten Tauchgang fertig machen – Mel Fishers Motto. Das Wasser glitzert wie ein Versprechen. Wir springen hinein und suchen ein Loch ab. Noch eines. Nichts. Doch ich bin eh nicht mehr so wild darauf, etwas zu finden. Zwei Tage Aushilfsabenteurer zu sein ist schon Gold wert; und der Anblick der magischen Welt da unten ein Schatz für sich.

In den Pausen zwischen den Tauchgängen sitzen wir an Deck. Schwippschwapp machen die Wellen, die Sonne brennt. Ein Hai schwimmt vorbei. Ein kleiner. Die Profis unterhalten uns mit ihren Geschichten: von dem 400 Jahre alten Ring mit herzförmig geschliffenem Stein, den sie anfangs für Modeschmuck hielten, den jemand verloren hatte. Oder von der vermeintlichen Sardinendose, die sie wieder ins Wasser werfen wollten und dann doch ins Labor brachten. Sie enthielt 16.000 seltene Perlen.

Beim vierten Loch bin ich noch an Deck, als es passiert. Ein Taucher reckt den Kopf aus dem Wasser und schreit: „Schatz!“ Er hält eine kleine schwarze Münze hoch: einen silbernen Real. Wir jubeln. Today’s the day! Zwei Schiffsnägel und ein verkrustetes Objekt bringen die Taucher dazu an Deck. Schultern werden geklopft, Drinks versprochen: Wenn einer der Profis etwas Wertvolles findet, bekommt er einen Bonus. „Ein erfolgreicher Tag für die Schatztaucher der J.B. Magruder“, sagt Kapitän Matroci. Sein Blick schließt uns Gäste ein. Das macht mich ein bisschen stolz.

Einer der Taucher hatte Glück. | © Jessica Braun

Einer der Taucher hatte Glück. | © Jessica Braun

Dann ist es für uns Zeit zum Aufbruch. Im Motorboot frage ich Jerry, ob er enttäuscht sei, weil er kein Gold gefunden habe. „Nein“, sagt er. „Bei Gold und Silber geht es vor allem um den monetären Wert. Bei Scherben dagegen um die Geschichte.“ Während ich zurückschaue und die J.B. Magruder immer kleiner werden sehe, denke ich bei mir: Und vom Schatztauchen zurückzukehren, ohne vom Goldrausch infiziert zu sein, das ist einfach unbezahlbar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: