Gastrodiplomatie: „Auf Pizza kann sich die Welt einigen“

Pizza ist nahezu überall auf der Welt willkommen. © edinthekitchen/flickr.com
Pizza ist fast überall auf der Welt beliebt. © edinthekitchen/flickr.com

Essen ist Teil unserer kulturellen Identität. Sich auf Gerichte anderer Länder einzulassen hilft, diese besser zu verstehen. An der American University, einer Schule für Außenpolitik in Washington D.C., gibt es deswegen einen Kurs, der Gastronomie und Diplomatie vereint. Die Dozentin Johanna Mendelson-Forman führt ihre Studenten regelmäßig zum Essen aus.

Wenn sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der griechische Regierungschef Alexis Tsipras in Berlin zum gemeinsamen Abendessen treffen – ist das Gastrodiplomatie?

Nein. Wenn Staatsoberhäupter gemeinsam speisen, spricht man von kulinarischer Diplomatie. Die kannte man schon in der Antike. Gastrodiplomatie hingegen ist noch relativ neu. Diese Form der Diplomatie richtet sich nicht an die politischen Eliten sondern an die Bürger anderer Länder. Wenn Sie als Touristin über die Märkte eines Ihnen fremden Landes schlendern und die Speisen dort kosten, lernen Sie etwas über die Kultur und Geschichte Ihrer Gastgeber. Zutaten und Geschmack bringen Ihnen deren Alltag näher. Gastrodiplomatie versucht, solche Erfahrungen zu fördern.

Also steckt in jedem Koch einer Garküche auch ein Diplomat?

Menschen mit den Spezialitäten eines Landes vertraut zu machen, kann helfen, Vorurteile abzubauen und Sympathien zu wecken. Deswegen zählt man Kochkunst heutzutage zu den sogenannten weichen Machtinstrumenten der Politik. Diese werden immer wichtiger. 2012 nahm die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton über 80 Köche unter Vertrag: das Chefs Corps. Die Mitglieder dieser Kochtruppe – darunter auch der Chefkoch des Weißen Hauses – reisen seitdem um die Welt, um die Küche der USA bekannter zu machen und von den Köchen anderer Ländern zu lernen. Sie werden aber auch bei wichtigen Anlässen eingesetzt.

Zum Beispiel?

Als der französische Staatspräsident François Hollande Washington besuchte, wurde für das Abendessen mit Barack Obama ein Koch aus New Orleans eingeflogen um zu zeigen, wie stark die amerikanische Küche von der französischen beeinflusst ist.

Was nützt es Staaten, wenn diese ihre eigene Küche promoten?

Die Küche eines Landes zeigt dieses von seiner positiven Seite. Sie betont dessen Einzigartigkeit und lockt bestenfalls Touristen an. Nicht umsonst hat die UNESCO verschiedene Länderküchen zum immateriellen Welterbe erklärt: die französische, die mexikanische, die japanische aber auch die peruanische. Peru ist ein gutes Beispiel, wie Essen einem Land helfen kann, sich zu erholen. In den Neunzigern litt das Land unter Ausbrüchen von Gewalt und Korruption. Damals eröffnete der noch unbekannte Gastón Acurio sein erstes Restaurant. Heute ist er ein Starkoch und betreibt Restaurants nicht nur in Peru sondern überall auf der Welt. Bei seinen Landsleuten ist er so populär, dass viele junge Peruaner von einer Karriere als Koch träumen. Die Gastroszene ist zu einem wirtschaftlichen Treiber geworden ist.

Thailand
Thailands Regierung investiert in die Verbreitung der heimischen Küche – weit über die Landesgrenzen hinaus. © Harvey Enrile/unsplash.com

Das gilt auch für die thailändische Küche.

Ein sehr gutes Beispiel, wie ein Mittelstaat seine Küchenkultur nutzt, um stärker wahrgenommen zu werden. 2002 verabschiedete die Regierung ein Programm, um die Zahl der Thai-Restaurants weltweit zu erhöhen. Thailänder, die ein Restaurant im Ausland eröffneten, wurden finanziell unterstützt. Aus 5.000 Restaurants wurden so in wenigen Jahren 20.000.

Im professionellen Bereich sind es vor allem Männer, die in der Küche das Sagen haben. Doch die eigentlichen Bewahrer kulinarischer Traditionen sind Frauen. Macht sie das zu besseren Diplomaten?

Ich war schon immer der Meinung, dass Frauen die besseren Diplomaten sind. Der Weg in solche Ämter ist für sie jedoch schwieriger. 80 Prozent der Landwirte weltweit sind Frauen und noch immer sind es mehrheitlich Frauen, die für das Essen in der Familie sorgen. Es hat jedoch lange gedauert, bis sie sich Gehör verschaffen konnten. Ein Anthropologe hat mal zu mir gesagt, dass sein Wissenschaftszweig in Ernährungsfragen so hinterher hinkt, weil es lange keine weiblichen Anthropologen gab. Dass heute viel mehr über Essen diskutiert wird liegt auch daran, dass es mehr Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen gibt.

In dem Kurs, den Sie unterrichten, geht es vor allem um Konfliktküche. Was ist darunter zu verstehen?

Es gibt eine Redewendung: „Das erste, das man als Migrant in der neuen Heimat vergisst, ist die Muttersprache. Das letzte ist das Essen.“ Da ist etwas dran. Wenn Menschen ihr Land wegen politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Konflikte verlassen müssen, nehmen sie ihre Rezepte mit. Die Gerichte ihrer Heimat schenken ihnen Kraft und Mut. Sie geben ihnen das Gefühl, weiterhin Teil einer Gemeinschaft zu sein. Hier in Washington gibt es eine ganze Reihe Restaurants, die von ehemaligen Flüchtlingen betrieben werden. Andere Einwanderer aus der gleichen Region siedeln sich in der Nähe an und so entstehen ganze Viertel, die von einer bestimmten Küche geprägt sind. Solche kulinarischen Ballungsgebiete gibt es in jeder großen Stadt. Sie sind ein Indikator für Krisenherde.

Wegen der Krisen in Afghanistan und Syrien sind zur Zeit Millionen von Menschen auf der Flucht. Sie sagen, das dies einen direkten Einfluss auf die Restaurantszene in anderen Ländern hat?

Das kommt auf die Flüchtlingspolitik dieser Länder an. Früher konnte man an den Restaurants, die hier in Washington eröffneten, gut ablesen, wo auf der Welt ein Krieg bevorstand. Dass man in Washington so gut vietnamesisch essen kann, ist eine Folge des Rückzugs der USA 1975 aus Vietnam. Die wunderbaren afghanischen Restaurants stammen aus der Zeit der sowjetischen Invasion von 1979. In den Achtziger Jahren waren die USA in die Kriege in Zentralamerika involviert und auch das brachte Flüchtlinge ins Land. Die Küche aus El Salvador ist hier sehr beliebt! Doch seit den Anschlägen vom 11. September ist es für Flüchtlinge schwieriger geworden, in die USA einzureisen. Deswegen bleibt die Zahl der Nahost-Restaurants weitestgehend gleich. Trotz der Krisen dort. Auf solche Zusammenhänge versuche ich meine Studenten aufmerksam zu machen.

Klappern Sie mit diesen die ganzen Restaurants ab?

Erst beschäftigen wir uns einem Krieg und seinen Folgen. Dann besuchen wir das jeweilige Restaurant und kosten das Essen. Meist ist der Besitzer selbst ein Flüchtling und kann aus erster Hand von seinen Erfahrungen berichten. So lernen die Studenten, dass Konflikte Hunger verursachen können und manche Menschen aus Hunger fliehen müssen. Aber auch, wie diese Flüchtlinge dann dank des Essens Fuß in einem fremden Land fassen und Geld nach Hause schicken, um ihre Verwandten dort zu ernähren.

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Johanna Mendelson-Forman, Expertin für Sicherheitspolitik und gute Küche

Ist kulinarische Vielfalt eher eine Folge von Krieg oder Frieden?

Ich glaube, von beiden. Essen kann ein militärisches Mittel sein. In Syrien zum Beispiel werden gezielt Bäckereien ausgebombt, um die Menschen unter Druck zu setzen. In Äthiopien dagegen wurden die internationalen Spenden genutzt, um die Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen und so Konflikte zu befrieden. In der Politik wird heute viel stärker darauf geachtet, wie die Ernährungslage eines Landes ist. So lassen sich Krisen früher erkennen und eindämmen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs halfen die Essenspenden der USA vielen Deutschen, zurück ins Leben zu finden. Kaugummi und Cola schufen eine Verbundenheit, die bis heute anhält. Ist Ähnliches auch in anderen Ländern zu beobachten?

Eine Notversorgung, wie sie für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Beine gestellt wurde, hatte es in dieser Form nie zuvor gegeben. Das Land war so zerstört, dass die Bevölkerung kaum noch in der Lage war, sich selbst zu versorgen. Heute hilft man anders. Im Libanon beispielsweise halten sich gerade über eine Million syrischer Flüchtlinge auf. Statt einfach Essen auszuteilen, vergeben die Hilfsorganisationen Rabattkarten, mit denen die Menschen bei lokalen Händlern einkaufen können. Das stärkt die Wirtschaft vor Ort. Vorausgesetzt natürlich, die Händler haben noch Nahrungsmittel vorrätig.

Gibt es so etwas wie ein Friedensgericht – eine Speise, auf die sich Menschen weltweit einigen könnten?

Pizza hätte gute Chancen auf den Titel. Die wird wirklich überall gemocht. Selbst in Kurdistan habe ich Menschen Pizza essen sehen. Papst Franziskus sagte kürzlich in einem Interview, das, was er am meisten vermisse, seit er im Amt ist sei, in Rom unerkannt eine Pizza essen zu gehen. Und er ist Argentinier – wenn auch mit italienischen Wurzeln.

In Deutschland sind gerade alle ganz verrückt nach den Rezepten des aus Israel stammenden Kochs Yotam Ottolenghi…

…der gemeinsam mit dem Palästinenser Sami Tamimi in London ein tolles Restaurant führt. Ich war schon mal dort essen.

Was sagt diese Verbindung über die heilende Kraft des Essens?

Die beiden haben einen klugen Weg gewählt, um auf die Berührungspunkte ihrer Kulturen hinzuweisen. Man darf nicht vergessen, dass die Küche Jerusalems schon lange eine Küche ist, die viele Einflüsse vereint. In ihrem Restaurant sitzen die Gäste deswegen auch an Gemeinschaftstischen. Es geht darum, Gespräche zu fördern. Und was könnte dies besser als ein gutes Essen?

Die Amerikanern Johanna Mendelson-Forman, 1947 geboren, ist Expertin für Sicherheitspolitik. Sie arbeitete unter anderem für die USAID, die Behörde der Vereinigten Staaten für Entwicklungszusammenarbeit und war Leiterin der United Nations Foundation, einer unabhängigen Stiftung, die mit ihrer Arbeit die Ziele der Vereinten Nationen fördern will. Seit 2014 lehrt sie als Professorin an der American University, einer Schule für Außenpolitik in Washington D.C., im Fach Gastrodiplomatie.

Jessica Braun für SALON 4/2015

 

 

 

 

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