Countrymusiker Doug Seegers: Nashvillö

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Groß, sehnig, Typ ergrauter Herzensbrecher: In Schweden jubeln sie schon, bevor er lossingt. | © Gregg Roth

Doug Seegers lebte in Tennessee unter einer Brücke, als ihn vor zwei Jahren ein Fernsehteam aus Schweden entdeckte. Heute ist der 63-Jährige bei den Skandinaviern ein Star.

Doug Seegers spielt an diesem Abend wieder vor ausverkauftem Haus. Die Fans, fast alle Schweden, haben mehr als 100 Euro pro Person gezahlt, um den Countrysänger aus den USA in einem Club auf der Insel Orust singen zu hören. 60 Konzerte hat er diesen Sommer schon in Schweden gegeben, oft vor Tausenden Fans. Wenn Doug Seegers zu Hause in Nashville im Bundesstaat Tennessee an einer Straßenecke seinen Gitarrenkoffer aufklappt, bleiben die Leute oft nicht mal stehen. In der Hauptstadt des Country gibt es einfach zu viele Straßensänger wie ihn. Und alle brauchen die Dollars der Passanten. Als er noch obdachlos war, lehnte an Seegers Koffer ein Schild: „Out of Work. Anything Helps.“ Arbeitslos. Für jede Hilfe dankbar. Seit einem Jahr braucht er das Schild nicht mehr. Er hat jetzt eine Plattenfirma, eine Goldene Schallplatte, sogar eine Managerin. Der 63-Jährige ist ein Star. Allerdings nur hier in Schweden.

„Aschenputtel-Mann“ nennen ihn seine Fans aus Nordeuropa

Seegers tritt ans Mikro. Ein großer, sehniger Mann. Typ ergrauter Herzensbrecher. Er trägt Cowboyhut und ein besticktes Hemd. Nachdem er seine Gitarre gestimmt hat, hebt er den Kopf und schaut ins Publikum. Auf der Straße hat der Musiker gelernt, wie man Menschen mit einem Blick dazu bringt, innezuhalten. Seine Fans, fast alles Paare zwischen 40 und 60, jubeln. Jeder hier kennt die Geschichte des „Aschenputtel-Manns“, wie er in Schweden genannt wird.

Im Winter 2013 wurde Seegers, der damals in Nashville unter einer Brücke lebte, vor einer Essensausgabe von einem schwedischen Fernsehteam entdeckt. Da sei er schon weg gewesen vom Heroin, und getrunken habe er auch nicht mehr, sagt er. Heute steht er auf der Bühne, als hätte er sein Leben lang schon Autogrammkarten unterschrieben. Dass er von ganz unten kommt, hemmt ihn nicht. Es macht seine Auftritte interessanter. Sich den eigenen Dämonen zu stellen ist ein wiederkehrendes Thema in der Country-Musik. Größen wie Johnny Cash, Glen Campbell oder Hank Williams kämpften öffentlich mit ihrer Sucht. Sangen, um bei Verstand zu bleiben. Die meisten Country-Nummern handeln von kaputten Beziehungen oder zu viel Alkohol. Seine auch. Wenn Seegers singt, klingt es wie eine Beichte.

„I’ve been runnin‘ with the devil, and I know he’s not my friend“, heißt es in seinem Hit „Going Down To The River“. Übersetzt: Ich bin mit dem Teufel unterwegs gewesen, und ich wusste, dass er kein Freund ist. Es ist der Song, mit dem Seegers Wandlung begann. Als er ihn schrieb, trank der Musiker noch zwei Flaschen Wodka am Tag. Der Text habe etwas von einem Gebet. Er habe ihm geholfen, nüchtern zu werden.

Als das Fernsehen kam, hatte er gerade den Entzug geschafft

Wenige Monate nach dem kalten Entzug kam eine Freundin auf ihn zu. Stacy Downey leitet in Nashville „The Little Pantry That Could„, eine Art Tante-Emma-Laden für Menschen in Not. Ein schwedisches Fernsehteam hatte Downey kontaktiert. Für eine Ausgabe der mehrteiligen Musikdoku-Reihe „Jills Veranda“ suchten sie nach Countrymusikern, die in Nashville gescheitert waren. Ihr erster Kandidat hatte sich wegen seines Alkoholproblems nur als bedingt kameratauglich erwiesen. Downey fragte Seegers, ob er einspringen wolle. Der sagte Nein. Mehrmals. Um dann einige Tage später doch mit der Gitarre vor „The Little Pantry That Could“ aufzukreuzen. Er setzte sich in einer Seitenstraße ins Gras, und Jill Johnson, Glamourgirl der schwedischen Countrymusikszene und Gastgeberin von „Jills Veranda“ und Magnus Carlson, Sänger der schwedischen Indie-Band Weeping Willows, hockten sich vor ihn. Die Kameras liefen, und Seegers, der Obdachlose, sang für die Fernsehprofis aus Europa darüber, wie man aus dem Dreck, in dem man steckt, wieder rauskommt: „Ich gehe runter zum Fluss, meine Seele reinwaschen.“

Fast zwei Jahre sind seither vergangen. Seegers tourt diesen Sommer schon zum zweiten Mal durch Schweden. Beim Interview nach dem Konzert auf Orust scheint er immer noch ein wenig perplex zu sein, wenn er von seinem Auftritt vor Johnson und Carlson erzählt: „Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Die beiden sahen so geschockt aus.“

Gerührt trifft es eher. „Wir haben alle angefangen zu heulen“, sagte Johnson später über das improvisierte Konzert. Zwei Tage später luden die Schweden ihre Entdeckung in das von Johnny Cash gebaute Cabin Studio ein. Gemeinsam spielten sie dort die Single ein, die Seegers nach Ausstrahlung von „Jills Veranda“ zu einer (schwedischen) Goldenen Schallplatte und einer ausgebuchten Tour verhelfen sollte. Barbara Lamb, die als Fiddle-Spielerin für die Aufnahme gebucht wurde und mittlerweile Seegers Managerin ist, erinnert sich an die erste Begegnung: „Da kommt dieser Typ mit seiner schwedischen Entourage an, Kameras auf ihn gerichtet – und er trägt Gummistiefel!“ Seegers zuckt grinsend die Schultern: „Wenn man unter Brücken lebt, braucht man Schuhe, in denen die Füßen trocken bleiben.“

Auch auf Fragen nach seiner Vergangenheit antwortet Seegers so direkt, als ginge es um die Daten seiner Tournee. Aufgewachsen ist er im New Yorker Stadtteil Queens. Seine Eltern spielten in einer Countryband. Das musikalische Talent läge also in der Familie. Genau wie das Trinken: „Als ich so fünf oder sechs Jahre alt war, nahm mich mein Großvater mit in eine Bar, und dort saß ich dann auf dem Tresen und sang alle Songs von Elvis Presley, die ich auswendig kannte. Es waren einige.“ Seine Mutter brachte ihm die ersten Akkorde bei. „Papa war Gitarrist, und ich wollte so sein wie er“, sagt Seegers und lacht heiser. Darüber, dass sein Vater die Familie verließ, ist er 55 Jahre später immer noch nicht ganz hinweg.

„Ich nahm meine Gitarre und zog mit den Kumpels von der Straße in ein leer stehendes Haus. Wir ballerten uns Heroin rein. Ende der Sechziger machten das alle so.“

Seinen ersten Song schrieb Seegers mit 18: „Riker’s Island Blues“, ein „lustiges Lied“ über die Gefängnisinsel im New Yorker East River. Er denkt kurz nach – dass er selbst dort einsaß, liegt lange zurück. Dann singt er mit einem Hank-Williams-Trällern in der Stimme: „Hol‘ mich aus diesem ollen Knast raus, Schatz. Ich brauche nur 100 Dollar für die Kaution.“

Das Lied sollte den Ton für Seegers Leben vorgeben: oft in Schwierigkeiten und meistens knapp bei Kasse. Zwar machte er den Schulabschluss, „meiner Mutter zuliebe“, aber am Tag nach der Zeugnisvergabe packte er seine Sachen. „Ich nahm meine Gitarre und zog mit den Kumpels von der Straße in ein leer stehendes Haus. Wir ballerten uns Heroin rein. Ende der Sechziger machten das alle so.“

In der Schule hatte Seegers sein Talent für Schnitzereien entdeckt. Er fand eine Anstellung in einer Tischlerei. Sesshaft war er immer so lange, wie es Arbeit gab; von der Musik lebte er, wenn er obdachlos war. Er streckt seine rechte Hand aus. Vier Fingerkuppen haben tiefe Kerben vom Gitarrespielen. Eine fehlt. „In meinen 40 Jahren als Schreiner habe ich mir nur ein winziges Stück Finger abgeschnitten“, sagt er stolz. “ Das muss mir erst mal einer nachmachen.“

In den Siebzigern tourte Seegers eine Weile mit einer Band durch Texas. Doch die Auftritte brachten wenig Geld ein, und das Herumreisen nervte. Seegers ging zurück nach New York, heiratete und bekam zwei Kinder. Er sei ein guter Vater gewesen, sagt er heute, „auch wenn ich nie gelernt habe, den beiden etwas abzuschlagen.“ Doch der Alltag ließ ihm wenig Raum für die Musik. Als sein Sohn 15 Jahre alt war, holte sich Seegers von diesem die Erlaubnis, die Familie zu verlassen. „Ich wollte nach Nashville, weil dort viele Profimusiker leben. Mir fehlten Gleichgesinnte.“ In der Hauptstadt des Country wurde er allerdings nicht so herzlich empfangen, wie erhofft. Bei Open-Mic-Veranstaltungen ernteten andere Künstler den Applaus. Ein Bandprojekt mit Frauen scheiterte. „Ich war wohl nicht gut genug“, sagt er. Es ist einer der seltenen Momente, in denen Seegers‘ Stimme bitter klingt.

Wenn er seine Phasen der Obdachlosigkeit beschreibt, hört sich das dagegen an wie ein großes Abenteuer. „Mir hat diese Art zu leben nie Angst gemacht. Ich fand immer einen Platz zum Schlafen. Und wenn mir nach Gesellschaft war, zog ich zu anderen Obdachlosen in ein Camp im Wald. Wir angelten und saßen nachts ums Lagerfeuer.“ 17 Jahre verbrachte er so. Bis er, der charismatische Obdachlose mit den schlechten Zähnen, einen Song für eine schwedische Pop-Prinzessin schrieb und einen Hit landete.

Wenn Doug Seegers heute „Going Down To The River“ singt, klingt der Song nicht mehr ganz so wie früher. Ruhm verändert die Menschen. Seegers hat sich vom Geld aus seinem Plattenvertrag die Zähne machen lassen – das Lispeln, das auf seinem im Mai 2014 in Europa veröffentlichten Album noch zu hören ist, ist weg. Wovon er allerdings auch in Schweden nicht lassen will, sind die Gigs auf der Straße. „Manchmal verschwindet er einfach aus seinem Hotelzimmer“, sagt seine Managerin. Dann läuft er durch Straßen, deren Namen er nicht aussprechen kann, bis er einen Platz mit Schatten und guter Akustik findet.

Seegers bleibt Straßensänger. Trotz seiner neuen Zähne

„Eigentlich will ich nicht, dass die Leute mir Geld geben“, sagt er. „Ich brauche es ja nicht mehr. Aber ich sehe, dass es sie glücklich macht, einen Straßensänger zu unterstützen. Warum sollte ich Ihnen das verwehren?“ Außerdem hätten so auch jene Leute die Chance, ihn zu sehen, die sich keine Konzertkarte leisten können.

Seegers‘ Leben in Nashville hat sich ebenfalls verändert. Seit einem Jahr hat er ein Zimmer, und für bezahlte Auftritte wird er ab und zu auch gebucht. Sein größter Gig steht ihm aber in der kommenden Woche bevor. Am 16. September ist der Straßenmusiker mit zahlreichen Stars zur Verleihung der „Americana Music Honors & Awards“ eingeladen, einer wichtigen Preisverleihung der Folk- und Country-Szene. Da Doug Seegers‘ Album inzwischen auch in den USA erschienen ist, wurde der 63-jährige Seegers nominiert. Als Newcomer des Jahres.

Jessica Braun für Süddeutsche Zeitungg am 12.09.2015

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