Koffer, du entkommst mir nicht!

Ist er angekommen? Passagiere auf dem Weg zum Gepäckband.

Ist er angekommen? Passagiere auf dem Weg zum Gepäckband. © Negative Space/unsplash.com

Panik, dass das Gepäck woanders hinfliegt? Neue Gadgets und digitale Etiketten sollen gegen die Verlustangst helfen.

Der Sender peilt nichts. Ich stehe zu Hause vor meinem gepackten Koffer und drücke auf einem Plastikkasten herum, groß wie eine Zigarettenschachtel. Trakdot heißt dieses Gerät, und es soll Menschen wie mir helfen, die am Flughafen immer voller Unruhe am Gepäckband stehen und fürchten, ihre Habseligkeiten könnten unterwegs verloren gegangen sein.

Der Trakdot wird während der Reise im Koffer verstaut und meldet seine Position an den Hersteller. Über dessen App soll ich mich dann vergewissern können, dass sich der Koffer am selben Ort befindet wie ich. Zu gern würde ich den Apparat nun testen. Aber obwohl ich ihn schon mehrmals an- und ausgeschaltet habe, wird mir als Standort immer noch nicht Berlin angezeigt – der Sender glaubt, er sei nach wie vor im Werk in Fujian, China.

Mein Gepäck am Schalter abzugeben ist für mich jedes Mal eine Übung im Loslassen. Angefangen hat es vor 20 Jahren, nachdem ich als Studentin von einer USA-Reise heimkehrte. Mein Koffer war damals nicht mit mir ins Hamburger Schneegestöber zurückgereist, sondern allein ins sonnige Costa Rica geflogen. Mitsamt meinem Hausschlüssel. Für den Schlüsseldienst hatte ich nach der Reise kein Geld mehr. Es dauerte eine Woche, bis der Koffer eintraf und ich wieder in meine Wohnung konnte. Seitdem hat sich mein Gepäck noch mehrmals auf Abwege begeben. Zum Glück nie wieder so lange wie beim ersten Mal.

Wenn Fluggepäck auf den falschen Weg gerät, passiert das meist beim Umsteigen: Fast die Hälfte aller verlorenen Koffer ist nicht im richtigen Anschlussflieger gelandet. Andere hängen am Zoll fest oder fallen vom Beförderungsband. Dennoch ist die Zahl der Verluste seit einiger Zeit stark gesunken: 2007 gingen laut einer Studie pro tausend Passagiere noch 18,8 Koffer verloren. Im vergangenen Jahr waren es nur mehr 7,3.

Immer noch zu viele, findet die IATA, die Dachorganisation der internationalen Fluggesellschaften. Deshalb hat der Verband eine Resolution verabschiedet: Bis 2018 müssen alle der IATA angeschlossenen Airlines die technischen Voraussetzungen schaffen, jederzeit die Taschen, Rucksäcke und Koffer ihrer Passagiere zu orten. In Zeiten, in denen man die Anlieferung eines Päckchens durch den Paketdienst online Schritt für Schritt mitverfolgen kann, klingt das wie eine Selbstverständlichkeit. Und doch sind nur 35 Prozent aller Fluggesellschaften – darunter Lufthansa und Qantas – in der Lage, den Weg des Gepäcks vom Check-in-Schalter bis in die Maschine zu überwachen. Bei den anderen Airlines müssen die Passagiere schlicht darauf vertrauen, dass die oft kilometerlange Gepäckförderanlage funktioniert und die Mitarbeiter an den Knotenpunkten keine Fehler machen.

Mit dem Trakdot sollen Fluggäste nun die Möglichkeit bekommen, ihr Gepäck auch dann im Blick zu behalten, nachdem es auf dem Förderband am Schalter weggefahren ist. „Bleiben Sie seelenruhig, während Sie warten“, verspricht die Webseite des Herstellers. Doch mein Trakdot beharrt noch immer auf „Fujian, China“ – selbst als ich ihn zwecks besserer Ortung auf den Balkon trage. So komme ich nicht weiter. Der Kundendienst meldet sich auf meine Anfrage per E-Mail eine Stunde später zurück. Mit dem Rat abzuwarten. Die Ortung brauche manchmal etwas länger.

Das hilft mir nicht. Ich muss zum Flughafen. Zur Sicherheit mache ich Fotos vom Inhalt und Äußeren des Koffers – notfalls lässt er sich so schneller identifizieren. Dann stecke ich den Sender hinein und bestelle ein Taxi. Vom Flughafen bin ich noch etwa 15 Minuten entfernt, als eine SMS des Herstellers eingeht und mich informiert, dass sich mein Gepäck „in der Nähe des Flughafens Berlin-Tegel (TXL) befindet“.

Zehn Prozent der Fluggesellschaften bieten Gepäckverfolgung an

Endlich überträgt der Sender die Position meines Koffers – zumindest grob (und wie mir der Hersteller später erklären wird, ganz nach Plan: Das Gerät beginne immer erst in der Nähe eines Flughafens zu arbeiten – was merkwürdigerweise dem Kundendienst nicht bekannt war).

Möglich macht die Ortung ein GSM-Chip. GSM ist das Standardsystem für Mobilfunknetze. Der Trakdot nutzt Sendemasten, um die Position des Gepäcks zu übertragen. Sind genügend Masten in der Nähe, zeigt er den Standort des Koffers auf bis zu 50 Meter genau an, erklärt zumindest die Firma.

Im Flughafenterminal überfliege ich die Liste gefährlicher Gegenstände, die nicht ins Gepäck dürfen. Laut Hersteller zählt der Trakdot nicht dazu – solange ich ihn nur mit Batterien und nicht mit Akkus bestücke. Der Mitarbeiter der Fluggesellschaft klebt dann das übliche Papieretikett mit grünem Streifen auf den Koffer. Anhand des Strichcodes lässt sich meine Reiseroute auslesen. Allerdings funktioniert das nur begrenzt zuverlässig, denn Gepäcktransport ist eine raue Angelegenheit: Immer wieder kommt es vor, dass ein Etikett reißt oder der Aufdruck verwischt – zum Beispiel wenn es regnet. Etwa ein Fünftel aller nicht beförderten Gepäckstücke bleibt deswegen liegen.

Eine viel modernere und weniger fehleranfällige Alternative hat Michael Harwerth ausgetüftelt, der als Projektleiter Passagier-Services bei der Lufthansa arbeitet. HomeTag heißt das von ihm entwickelte System, das Fluggäste bereits auf einigen Interkontinentalstrecken ausprobieren können. HomeTag-Nutzer drucken ihr Etikett zu Hause am Rechner aus, am Flughafen erhalten sie dann eine Spezialhülle, mit der sie den Papierstreifen am Gepäck befestigen.

Diese Hülle enthält einen RFID-Transponder – einen Datenträger, der sich per Funk aktivieren lässt. Gibt man den Koffer am Automaten auf, beschreibt dieser den Chip mit den Reisedaten. „Weil es sich bei dem Chip um eine passive Funktechnologie handelt, ist dessen Reichweite mit maximal zehn Metern sehr begrenzt“, sagt Harwerth – man kann von dem Chip also nur Daten empfangen, wenn Lesegeräte in der Nähe installiert sind. Allerdings lassen sich von dem Transponder selbst dann noch Informationen ablesen, wenn das gedruckte Etikett verschmiert, zerrissen oder verloren gegangen ist. Und über die Lufthansa-App kann der Passagier genau erfahren, wo sich der eigene Koffer gerade befindet.

Damit gehört Lufthansa neben Qantas und Delta zu den zehn Prozent aller Fluggesellschaften, die ihren Kunden bereits jetzt Gepäckverfolgung für den Privatgebrauch anbieten. Auch Air France-KLM plant, Anfang nächsten Jahres einen digitalen Kofferanhänger einzuführen.

Während des Boardings schaue ich auf mein Handy: Mein Koffer steht irgendwo im Flughafen Tegel. Ob er auch mit mir in der Maschine ist, kann ich nicht sehen, dazu ist mein Gerät nicht exakt genug. Mit einem digitalen Etikett wie dem von Lufthansa wüsste ich es nun genauer – und so wird der Trakdot wohl nur eine Übergangslösung bleiben, bis alle Airlines ihren Passagieren eine digitale Kofferüberwachung ermöglichen.

Die Hoffnung der Fluggesellschaften: Wenn Reisende in Zukunft jederzeit kontrollieren können, ob ihr Gepäck mit an Bord ist, sind sie eher bereit, es in den Frachtraum verladen zu lassen – weniger Handgepäck, mehr Platz in der Kabine. Gewerkschaften fürchten jedoch, dass die Airlines die Einführung der neuen Technologie nutzen werden, um Stellen abzubauen.

Die Maschine rollt auf die Startbahn. Laut Hersteller stellt der Trakdot nun aus Sicherheitsgründen automatisch das Senden ein. Als ich mein Handy nach der Landung anschalte, meldet sich der Sender wie erwünscht per SMS: Auch mein Koffer ist mitgekommen. Während die anderen Fluggäste am Gepäckband lange Hälse machen, setze ich mich auf eine Bank und lese entspannt E-Mails. Ich weiß ja, dass mein Koffer auf dem Weg zu mir ist.

Jessica Braun für

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s