Schweden: On the Rocks

Jeden Abend eine andere Band: das Musikhotel Slussen Pensionat auf der Insel Orust. © Jessica Braun

Auf der schwedischen Insel Orust hat der Sänger und Koch Robert Sohlberg seine Passionen unter einem Dach vereint: Wer im Slussens Pensionat eincheckt, bekommt nach dem Drei-Gänge-Menü jeden Abend eine andere Band serviert – nur einen Plektrumwurf vom eigenen Hotelbett entfernt. 

Am späteren Abend, als das letzte Sonnenlicht wie ein roter Scheinwerfer auf die Felsen der schwedischen Insel Orust fällt, brandet Applaus über das Meer. Showtime! Aus dem Slussens Pensionat, einem eleganten weißen Holzhaus, das auf Stelzen im Uferschlick steht, hört man das Publikum johlen. Füße stampfen erwartungsfreudig – so laut, dass die Grillen in den Himbeerhecken vor Schreck aus dem Takt geraten. Dann setzt eine Bluesnummer ein. Der Sound der Gitarre, der aus den offenen Fenstern dringt, übertönt das Schwappen der Wellen, den Wind in den Kiefern. Keiner fährt ins Slussens Pensionat, um Schlaf nachzuholen: In diesem Hotel wird gerockt, gejazzt, gemosht.

„Musikhotellet“ nennt sich das Slussens Pensionat im Netz. Konzerthotel wäre treffender: Wenn die Gäste ihr Dessert aufgegessen haben, verwandelt sich das Restaurant im Erdgeschoss der ehemaligen Heringsfabrik in einen Club mit Livemusik. Es gibt keine Bühne. Nur einen roten Vorhang an der Wand, vor dem die Instrumente aufgebaut sind – so nah an den Tischen, dass man den Künstlern ans Knie fassen könnte. Intimer geht’s kaum. Das macht die Abende so besonders. Fast egal, ob man die Band mag oder nicht.

Die Konzertsaison im Slussens Pensionat beginnt im Mai mit Gigs an den Wochenenden. Vom schwedischen Mittsommerfest im Juni an wird durchgerockt bis September: jeden Tag ein Konzert. Oft bis spät in die Nacht. Kein Wunder, dass der Hotelchef an diesem Augustabend ein wenig müde aussieht. Robert „Biggles“ Sohlberg, ein Mann mit Bassstatur und -stimme, sitzt im Halbdunkel auf der Treppe vor seinem Büro. In einer Hand glimmt eine Zigarette. In der anderen der Bildschirm seines Mobiltelefons. Sohlberg schaut sich den Konzertmitschnitt des spanischen Flamencosängers Diego el Cigala an. „Ah! El Cigala!“, seufzt Sohlberg mit Kellerstimme. „Was für ein Genie.“

Sohlberg war in seinem Leben: Leadsänger in etlichen Rock-, Blues- und Reggae-Bands; Studiomusiker; Chefkoch (auch der schwedische König zählte schon zu seinen Gästen); Clubbesitzer in Göteborg. Das Slussens Pensionat gab ihm die Möglichkeit, all diese Berufe gleichzeitig auszuüben. Anfangs war er dort nur Restaurantpächter, kümmerte sich um Menüfolge und Musik. „Ich stand acht Stunden in der Küche am Herd und danach vier Stunden mit meiner Band am Mikro.“

Musik ist sein Leben, seit er als Zwölfjähriger die Beatles im Fernsehen sah. „Ich rannte am nächsten Morgen ins Klassenzimmer und fragte: Habt ihr gestern die Biggles gesehen?“ Der Spitzname blieb hängen. Noch im gleichen Jahr gründete er seine erste Rockband. Heute, 50 Jahre später, kann sich Sohlberg für Flamenco genauso begeistern wie für Punk oder Klassik. „Nur Schlager liegen mir nicht so“, sagt er. In der westschwedischen Provinz, etwa 1,5 Stunden von Göteborg entfernt, hat sich der kochende Musiker einen Ort geschaffen, an dem er wild und häuslich zugleich sein kann. Ein Hotel mit 30 Zimmern, sieben davon im Haupthaus über Bar und Restaurant, die anderen verteilt auf den Anbau und fünf ehemalige Fischer- und Bauernhäuser im Dorf. Mittlerweile erstreckt sich das Reich der Sohlbergs rund um die von Felsen gerahmte Runnsbucht. Seit das Paar dort in den Achtzigern erstmals seine Verstärker aufbaute, ist diese zum Geheimtipp unter Musikfans geworden.

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Erst wird gegessen, dann gerockt. © Jessica Braun

Weil in Slussen alles nur einen Plektrumwurf voneinander entfernt ist, kann man hier ganz gemütlich Party machen: erst essen, dann der Band zuhören und nach dem Konzert ins wenige Meter entfernte Bett fallen. Fast wie auf einem Festival – nur mit Bio-Menü und Zimmer samt Meerblick.

Jeden Tag eine andere Band

Im Pensionat sitzt Vibs Sohlberg hinter dem Empfangstresen und plant die Sitzordnung für den nächsten Abend. Sie gibt mir meinen Schlüssel: „Wir haben Sie im Cafétöserna untergebracht.“ Bei meinem letzten Besuch vor einigen Jahren hatte ich eines der hellhörigen Zimmer über dem Restaurant. Der schwedische Indie-Crooner Moneybrother spielte ein so gut gelauntes Set, dass sich die Fans bis in die frühen Morgenstunden nicht mehr einkriegten. So wie die Hardrocker von Graveyard, die bei ihrem Auftritt im Juli erst die Gitarren wegpackten, als die Sonne schon wieder aufging. „Das ganze Haus hat gewackelt.“ Davon bekäme ich diesmal nichts mit. Ich wohne in einem anderen Gebäude. Vom Haupthaus führt ein Fußweg über einen Felsen und dann an der Bucht entlang. Mit jedem Schritt wird die Musik leiser, das Grillenzirpen lauter.

Wer zum ersten Mal nach Slussen kommt, denkt: Verschlafener geht’s nicht. Ein Dorf mit 200 Einwohnern. So klein, dass man mit dem Auto schon durchgerauscht ist, noch bevor man „Fahr mal rechts ran“ sagen kann. Weiße und ochsenblutrote Häuser ducken sich unter Vogelbeerbäumen und zwischen Kiefern. Das Cafétöserna, ein Holzhaus mit blumenumrankter Veranda, war früher ein Café. Die ehemalige Backstube haben die Sohlbergs in eine weitläufige, hellblau und weiß gestrichene Küche verwandelt. Gäste, die das Musikpaket – Übernachtung, abendliches Drei-Gänge-Menü und Konzert – gebucht haben, können sich dort ihr Mittagessen kochen. Manche der Möbel in den Häusern stammen noch von deren früheren Bewohnern. Viele haben die Sohlbergs im Internet ersteigert oder von Reisen mitgebracht. Jedes der Zimmer sieht deswegen anders aus. Zwischen orange geblümten Kissen und gebatiktem Bettüberwurf schlafe ich ein.

Am Morgen schlendere ich am Fluss entlang Richtung Frühstück. An einen Pfosten hat jemand ein gelbes Plakat genagelt: das Line-up für die nächsten Tage. Blues, Elektropop, Folk, Indierock. Jeden Tag eine andere Band, die meisten aus Schweden. Die einzige Band, die regelmäßig auf der Bühne steht, ist Big is Less, die Rockband um Robert Sohlberg.

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Die Besitzer: Robert „Biggles“ Sohlberg und seine Vibs.

Am Büfett begegnet mir Vibs im Bademantel. Sie war gerade schwimmen. Ihr Mann hat sich mit einem Kaffee auf die schattige Wiese hinter dem Pensionat gesetzt. Er blinzelt durch seine getönte Brille. „Mit der Sonne habe ich es nicht so.“ Die Folge eines Lebens im Scheinwerferlicht. Er hat große Bühnen bespielt. „Zum internationalen Durchbruch kam es aber nie“, sagt Sohlberg. „Wenn ich zu lange mit einer Sache beschäftigt bin, wird mir langweilig.“ 1987 wurde ihm die Küchenleitung im Slussens Pensionat angeboten, damals eine Pension mit sieben Zimmern. Vibs war schwanger. 1990 kauften sie das Pensionat – obwohl Robert gerade einen neuen Plattenvertrag auf dem Tisch hatte. Er ließ ihn sausen. „Wegen der Felsen“, sagt er. Slussens Felsen hätten etwas unglaublich Beruhigendes. Und rocken könne er hier ja trotzdem. Robert, der Familienvater. Biggles, die Rampensau. Im Slussens Pensionat haben beide ihren Platz.

Wie in einem Musikvideo

Einer der Felsen ragt direkt neben dem Pensionat aus dem Meer. Ein von der Zeit rund geschliffener Granitriese, von dessen Kuppe man über die Bucht schauen kann. Im flachen Wasser rekeln sich Seesterne. Badegäste sonnen sich auf dem hölzernen Steg mit Sprungturm. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt wird die Runnsbucht bis zu 20 Meter tief. Einer der Kellner paddelt mit dem Kajak vorbei. Und ist das nicht Doug Seegers, der da vom Drei-Meter-Brett hechtet, der Sänger von heute Nacht, ein Musiker aus Nashville und ein Star in Schweden? Aus der Hotelküche duftet Weißweinsud herüber. Der Badesteg seufzt, bewegt von einer Welle. Man möchte mitseufzen: schön hier!

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Früher war das Gebäude eine Konservenfabrik. © Jessica Braun

Am Abend stehen die Gäste vor dem Pensionat Schlange. 150 Personen passen ins Restaurant, und das ist fast jeden Abend voll belegt. Auf dem Weg zu meinem Tisch schaue ich mich um. Viele Familien inklusive Großeltern. Einige Paare. Die meisten sind wie ich in ihren Vierzigern. Auf den Tischen liegen karibikblaue Tischdecken. Die Servietten sind mit Schiffskordeln zusammengebunden. Es riecht nach Teer und Meer. Auf den Tisch kommt schwedische Küche mit Zutaten aus der Nachbarschaft: Fischeintopf, geschmortes Rinderfilet und Klößchen mit Rüben. Die Stachelbeeren im Nachtisch stammen von der Hecke hinter dem Haus.

Um 21.30 Uhr wird das Licht gedimmt. Spots beleuchten die Mikrofone. Doug Seegers betritt mit zwei Musikern das Restaurant, zwängt sich an den Tischen vorbei zu seinem Barhocker. Für manche Profis sei die Nähe zum Publikum eine Herausforderung, hat Robert Sohlberg gesagt. Doch Seegers, früher Straßenmusiker, fühlt sich sichtlich wohl. Er stimmt seine Gitarre, reißt Witzchen. Dann legt er los. Er hat eine Stimme, die sich einprägt: ein bisschen Countryrocker, ein bisschen Folksänger. In manchen Songs klingt er wie Hank Williams. Nicht so mein Ding. Aber draußen lichtorgelt die untergehende Sonne. Die Flämmchen der Teelichter am Fenster wiegen sich im Takt, dahinter glitzert das Meer. Ich komme mir vor wie in einem Musikvideo. Als Seegers zwischen zwei Songs fragt: „Ist das nicht ein perfekter Abend?“, höre ich mich mit allen anderen „Yeah!“ rufen.

Slussens Pensionat
Das Hotel bietet verschiedene Pakete an, z. B. das Musikpaket mit einer Übernachtung, Menü am Abend und Konzert für ca. 167 Euro pro Person. Slussens Pensionat, Slussen 415, Henån, Schweden, Tel. 0046-30/43 75 25.

 

Jessica Braun für DIE ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015

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