Elektroschrott: Wohin mit dem Müll?

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Nur 18 Monate nutzen wir unsere Smartphones im Schnitt, bevor wir diese durch ein neueres Modell ersetzen. © unsplash.com/alejandroescamilla

Kommt ein neues Smartphone, geht ein altes. Eher: Tausende. Unsere Tech-Begeisterung lässt die Schrottberge wachsen. 2014 landeten weltweit rund 42 Millionen Tonnen elektrischer Geräte, Flatscreens und Festplatten, Trackingarmbänder und Tablets auf dem Müll. Prognosen sagen voraus, dass es bald 50 Millionen sein könnten. Ein Text über E-Waste und Recycling-Möglichkeiten.

Das Mädchen, vielleicht 15, sitzt auf dem Bett im Dachgeschosszimmer. Spricht zu uns im Tonfall der Youtube-Shopping-Hauls. Gestikuliert wie eine schwarze Magierin. Und erklärt, wie man an ein neues Handy kommt, wenn man eines will. Erstens: mit ständigen Nachfragen die Mutter nerven. Zweitens: beim Papa lieb Kind spielen. Dann: umgekehrte Psychologie. Wir sehen, wie sie dem Vater eine Grundkurs-Theater-reife Szene macht. „Ach, mir reicht mein altes Handy“, sagt das Mädchen zu ihm. „Es ist zwar schon fast kaputt, aber was soll mir unterwegs schon groß passieren?“

Der Mann schaut in die Kamera, man hört Reifen quietschen, den Bon aus der Kasse schnurren. „Klappt jedes Mal!“, triumphiert die Kleine zum Schluss, zeigt ein blitzneues, großformatiges Smartphone vor. Braucht sie wirklich ein Handy? Nein. Sie will ein Handy. Werbespot einer großen Elektromarkt-Kette trifft die Sache natürlich ganz gut.

Das Konsumentengefühl, mit dem wir heute durch die Welt der technologischen Innovationen tapsen, nicht von Notwendigkeiten getrieben, sondern von Lust: Die Spannung, mit der wir Unboxing-Videos oder Apple-Keynotes ansehen. Die Enttäuschung, wenn wir erkennen, dass ein neues Produkt wohl doch nicht aufregend genug ist, als dass wir es wirklich wollen könnten. Als letztens auf der IFA die saisonalen Smartphones vorgestellt wurden, die Iris-Scanner, Mega-Akkus, 21,5-Megapixel-Kameras, sahen auch die neuwertigsten Vorgängermodelle plötzlich alt aus. Und wer das ernsthaft geißeln will, muss schon päpstlicher als der Papst sein.

Apropos Papst: Ende September kam der ausgerechnet zum Verkaufsstart des neuen Iphones nach New York. Daher warnte Apple die Kunden vor: Wegen der städtischen Sicherheitsvorkehrungen verzögere sich die Auslieferung der neuen Geräte leicht. Schon das gab Ärger.

Laut Marktforschungsinstitut Gartner wurden allein 2014 weltweit rund 1,2 Milliarden Smartphones verkauft, 216 Millionen Tablets, 279 Millionen Laptops und sonstige Computer. Als gefühlte Privatstatistik kann man hinterherschicken: Wo ein Gebrauchsgadget gekauft wird, wird im Großteil der Fälle auch eines ausgemustert, oft genug ein intaktes. Wie beim Kind im Werbespot. Dem Kind in uns allen.

Nur 18 Monate lang wird ein Mobiltelefon im Durchschnitt benutzt, bevor der Nutzer es ersetzt — während zum Beispiel ein Flachbildfernseher bis zu sechs Jahre stehen bleibt. Der Tech-Branchenverband Bitkom hat ermittelt, dass 84 Prozent der Bundesbürger mindestens ein unbenutztes Handy oder Smartphone zu Hause in der Schublade haben, bis zu 100 Millionen Stück sollen es insgesamt sein. Weitere zehn Millionen landen pro Jahr illegal im Hausmüll, und spätestens bei dieser Zahl assoziiert man dann die leider bestens bekannten Bilder: elektronische Friedhöfe in China oder Ghana, Berge an ausgemus­terten Ex-Neuheiten, die dabei sind, ihre eklige Chemie auszudünsten.

Ich wollte demonstrieren, wie man ein gutes Smartphone bauen kann, das 100 Jahre hält. Dave Hakkens, Designstudent

Weltweit wurden 2014 Studie der Vereinten Nationen rund 42 Millionen Tonnen elektrischer Geräte, Flatscreens und Festplatten, Trackingarmbänder und Tablets weggeworfen (siehe Grafik Seite 81). 2018 könnten es bereits 50 Millionen sein. Und wenn Socken, Gabeln und Blumentöpfe auch noch smart werden, wenn jeder zweite Haushaltsquatsch seinen Sensor hat — dann wird irgendwann fast alles E-Waste sein.

Die Alltagstechnologie, die in Zukunftsszenarien oft genug wie ein nach oben offenes System aus Machbarkeit, Angebot und Nachfrage erscheint, stößt an ihre ökologischen Grenzen. Weil sie vom Prinzip her ein Strudel ist. Kein Kreislauf.
Ein Stück weit ist das ja sogar Teil der Geschäftsmodelle. „Smartphones zu bauen, verbraucht immense Ressourcen“, sagt Rüdiger Kühr, der an der Universität der Vereinten Nationen (UNU) in Bonn das SCYCLE-Programm für Nachhaltigkeit leitet.

„Der Aufwand in Entwicklung und hochtechnisierte Produktion rechnet sich gerade dann, wenn die Verbraucher ihre Geräte permanent austauschen.“ Das weiß auch Apple: Mit dem gerade vorgestellten Geräte-Abo namens Upgrade Program (bisher nur in den USA) bekommen Iphone-Fans für eine monatliche Zahlung von zwischen 32 und 44 Dollar alle zwölf Monate das jeweils neueste Iphone-Modell. Die durchschnittliche Verweildauer des Te­lefons im Leben seines Benutzers wird dadurch wohl noch weiter sinken.

Aber das System hat einen offensichtlichen Vorteil: Es sichert einen geregelten Rückfluss. Geräte, die das Unternehmen nicht mehr weiterverkaufen kann, werden entkernt, recycelt. Laut Apple übernehmen das regionale Unternehmen, die sich verpflichten, keinen gesundheitsschädlichen Abfall in Entwicklungsländer zu exportieren. In Deutschland gibt es sogar eine (aller­dings durch EU-Richtlinien praktisch erzwungene) politische Initiative dazu: Das im Juli 2015 vom Bundestag beschlossene neue Elektrogesetz schreibt größeren Händlern ab 2016 vor, dass sie bestimmte Altgeräte sogar dann kostenlos zurücknehmen müssen, wenn die Kunden gar kein neues Exemplar dafür kaufen. Natürlich muss man auch beim Thema Schrottexport sehr differenziert argumentieren. Handys, die etwa nach Hongkong oder Lateinamerika verschifft und dort repariert werden, bedeuten für ihre neuen Besitzer in Nigeria oder Peru oft eine Verbesserung der Lebensumstände. „Altgeräte können einen Anschluss an die digitale Welt befördern und damit auch ein Wirtschaftstreiber sein. Das deutsche Elektrogesetz erlaubt die Ausfuhr für den Wiedergebrauch“, sagt Recycling-Experte Kühr. Problem: Es lässt sich in der Praxis kaum überprüfen, ob vermeintlicher Schrott, der in Deutschland verladen wird, auch wirklich für die Weiterverwendung geeignet und gedacht ist. „Wer“, fragt Kühr, „soll angesichts von Zehntausenden Handys in einem Container sicherstellen, dass diese noch funktionsfähig sind und es für sie tatsächlich einen Markt gibt?“

Gekürzt. Um den vollständigen Text zu lesen, wechseln Sie bitte zu Wired.

Jessica Braun für Wired 11/15

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