Alexander Rose: Ein Mann für Mammutprojekte

Alexander Rose ist bei The Long Now der Mann für die harten Aufgaben. © Christopher Michel/flickr.com

Alexander Rose ist bei The Long Now der Mann für die schwierigen Aufgaben. © Christopher Michel/flickr.com

Wiederbelebte Wollmammuts und Lesestoff für den Aufbau einer neuen Zivilisation: Die US-Stiftung The Long Now, ein Zusammenschluss genial-verrückter Vordenker, stellt mit ihren Projekten die Vorstellungskraft Normalsterblicher auf die Probe. Gut, dass Alexander Rose da ist, um die Ideen umzusetzen.

Der Meister der Zerstörung steht an seiner Werkbank und sortiert die Post. Alexander „Zander“ Rose, Mitbegründer der kalifornischen Roboterschmiede Inertia Labs, ist sechsfacher Weltmeister im Roboterkampf und Burning-Man-erprobter Pyrokünstler. Seit er 1996 seinen ersten Kampfroboter „Lawnboy“ in den Ring schickte, hat der Industriedesigner etliche Maschinen dazu gebracht, sich gegenseitig anzusägen, abzufackeln oder zu zerquetschen. „Ihnen dabei zuzusehen, macht mir Spaß“, sagt er. „Wir interagieren täglich mit technischen Geräten, aber meist nur sehr vorsichtig – aus Angst, sie fallen zu lassen oder falsch zu bedienen.“ Andere schreien aus Frust ihren Computer an oder treten ihren störrischen Staubsauger. Rose baut Monster aus Metall und lässt diese aufeinander los. „Ich richte gerne Schaden an. Es ist eine kathartische Erfahrung“, gibt er zu. Gelegenheit dazu hätte er nur leider viel zu selten. „Die Welt ist voller Verbote.“

Roboterkämpfe sind perfekte Verschleißsimulationen: 3 Minuten im Ring setzen dem Material so zu wie Jahrzehnte im Hausgebrauch. Rose hat deswegen nicht nur Erfahrung darin, Dinge kaputt zu machen. Er weiß auch, was diese zusammenhält. Das hilft ihm in seinem anderen Job: Der 43-jährige Roboterbauer ist der Geschäftsführer der The Long Now Foundation, der Stiftung der Langen Gegenwart. Die vor 20 Jahren in San Francisco gegründete Organisation will das langfristige Denken in der Gesellschaft fördern. Weil man, sagt Rose, nur damit die ganz großen Probleme lösen kann: Klimawandel, Bildungsmangel, drohende Kometeneinschläge. „Niemand wird den Welthunger in drei Jahren in den Griff bekommen. Aber in drei Generationen könnte es uns gelingen“. Fördergelder aus öffentlicher Hand werden jedoch nur für überschaubare Zeiträume vergeben. Wissenschaftler verschreiben sich lieber Zielen, die sie im Lauf ihrer Karriere erreichen können. Auch Politiker planen nicht gern über die kommende Legislaturperiode hinaus. Deswegen finanziert The Long Now Unternehmungen gegen das ewige Kleinklein: eine Sammlung nützlicher Bücher für den Tag 1 nach dem Untergang unserer Zivilisation; die Wiederbelebung ausgestorbener Spezies wie Wollhaarmammut und Wandertaube; ein Langzeit-Wettbüro für Menschen, die glauben, gesellschaftlich relevante Ereignisse vorhersagen zu können. Für Außenstehende klingen diese Projekte nach Science Fiction. Rose sagt: „Wir verfolgen bewusst Ideen, die verrückt wirken.“ Dass es ihm mit der Umsetzung dieser Projekte ernst ist, glaubt man ihm sofort. Er ist eher General als Geschäftsführer der Stiftung: ein Hüne mit rasiertem Kopf und ungerührtem Blick, mit dem man es sich lieber nicht verderben möchte. Schon gar nicht, wenn Bronco in der Nähe ist. „Mit ihm in einem Raum zu sein, ist beängstigend“, findet selbst sein Besitzer. Denn einmal angeschaltet braucht die Kettcargroße silberne Kampfmaschine nur Sekunden, um hundert Kilo schwere Gegner aus dem Ring zu katapultieren. An diesem Morgen hängt der Star der TV-Show „Battlebots“ jedoch zwischen zwei seiner stählernen Kollegen an der Werkstattwand. Der Wellblechbau im Hafen von Sausalito, eine halbe Stunde nördlich von San Francisco, ist Roses Firma und Wohnsitz. Im ersten Stock lebt er mit seiner Frau und der sechsjährigen Tochter. Im Erdgeschoss sind neben den Maschinengladiatoren Bronco, T-Minus und Toro auch ein Mai-Tais mixender Roboter im Tiki-Look und ein mit Stickstoff betriebenes Hochgeschwindigkeitsgefährt zuhause.

Dieses Modell des Sonnensystems soll eines Tages Teil der Uhr sein – vergrößert auf mehrere Meter Höhe. © The Long Now Foundation

Dieses Modell des Sonnensystems soll eines Tages Teil der Uhr sein – vergrößert auf mehrere Meter Höhe. © The Long Now Foundation

Roses größter Stolz sind jedoch die auf Hochglanz polierten Hebel und Wälzlager, die ausgebreitet zwischen technischen Zeichnungen auf den Tischen liegen. Kleinstteile eines Mammutprojekts, das mindestens 42 Millionen Dollar kosten wird und dessen Ende noch niemand absehen kann: die „10.000-Jahre-Uhr„. Seit 2010 baut The Long Now in den Sierra Diablo Mountains in Texas an einem Zeitmesser für die Ewigkeit. Einer Uhr, die fast 100 Meter hoch werden soll, verteilt auf mehrere durch Treppen verbundene Kammern in einem ausgehöhlten Berg. Sie wird nicht nur die Zeit, sondern auch den Stand der Planeten anzeigen. Sich selbst anhand des Sonnenstands justieren, betrieben von Solarenergie. Für mindestens 10.000 Jahre – so lange, wie unsere Zivilisation alt ist. Und immer, wenn ein Mensch den Eingang in den Berg findet und sie aufzieht, wird ein Glockenspiel zu hören sein. Die Melodie generiert sich jedes Mal neu. Wenn alles so läuft, wie Alexander Rose es plant, dann wird die Uhr im Berg auch in 11.000 oder 12.000 Jahre noch ticken: „Diese Maschine ist mein Lebenswerk.“

Ausgedacht haben sich das Monstrum Danny Hillis (59) und Stewart Brand (76), die Gründer von The Long Now. Wären die beiden Wissenschaftler nicht so erfolgreich, würde man sie wohl Spinner nennen. Brand, ein Biologe, organisierte in den Sechzigern San Franciscos erstes „Trips Festival“ (LSD war damals noch legal) und veröffentlichte den Whole Earth Catalog, eine Art Manufactum für Hippiekommunen. Der Computeringenieur Hillis konstruierte im Alter von 27 Jahren den weltweit ersten Parallelrechner: Eine Maschine, deren Rechenprozesse Geschwindigkeit neu definierten und auf deren System heutige Supercomputer basieren. „Das Wort Genie kommt mir nicht leicht über die Lippen“, sagt Alexander Rose über seinen Chef. „Aber auf Danny trifft es zu“. 1995 veröffentlichte der auf Nanosekunden getaktete Hillis in der Zeitschrift WIRED einen Essay, in dem er seine Unzufriedenheit mit dem herrschenden Zeitbegriff zum Ausdruck brachte: „Manche Menschen haben das Gefühl, ihnen liefe die Zeit davon. Für mich ist die Zukunft wie ein riesiger Sattelschlepper, der genau in dem Moment scharf bremst, wenn ich mich in seinen Windschatten manövriere.“ Das Jahr 2000 stand bevor. „Alles schien sich damals auf dieses Datum zu konzentrieren. Als ob es kein 2002 oder 2005 geben würde“, sagt Alexander Rose. Danny Hillis dachte jedoch 10.000 Jahre voraus. Er träumte von einer Uhr, die Generationen überdauert und selbst dann noch tickt, wenn die Menschen die Erde vielleicht längst verlassen haben. Gemeinsam mit Stewart Brand gründete er eine Stiftung, um die Finanzierung des Projekts sicherzustellen. 1997 stellten die beiden einen 26-jährigen Industriedesigner für dessen Umsetzung ein: Alexander Rose. Brand kannte Rose vom Paintball-Spielen. „Ich brachte keinerlei Erfahrung mit, aber Stewart coachte mich. Er liebt es, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Und er vertraut ihnen“, sagt Rose.

Ihre erste Uhr, eine Leihgabe an das Science Museum in London, begann in der Silvesternacht 1999 zu ticken. Doch das öffentliche Interesse an dem zwei Meter großen Prototypen flaute schnell ab. Dessen Erfinder beschlossen, die Uhr zur Legende aufzublasen. Sie so mythisch zu machen wie Stonehenge und groß wie die ägyptischen Pyramiden. „Wir wollen etwas schaffen, um das sich Geschichten ranken können“, sagt Rose. Hilfe bekamen sie von Danny Hillis‘ Freund Jeff Bezos. Der milliardenschwere Amazon-Gründer stiftete 42 Millionen Dollar und einen Berg auf seinen Ländereien in Texas. Seit 16 Jahren wird dieser nun ausgehöhlt – unter anderem mit einem 2,5-Tonnen schweren Kettensägenroboter – und die Uhr Stück für Stück installiert. Bisher durfte kein Außenstehender die abgeschiedene Baustelle besichtigen. Den Gedanken, dass es sich bei dem Projekt um einen Hoax handeln könnte, findet dessen Bauleiter absurd. „Man kann die Arbeiten von der Landstraße aus sehen“, sagt Rose.

Die Bar The Intervall. © Christopher Michel /flickr.com

Die Bar The Intervall. © Christopher Michel/flickr.com

Ob diese noch fünf oder fünfzig Jahre dauern werden – dazu will sich die Stiftung nicht äußern. Auch ihre anderen Projekte wirken (noch) wie Gedankenspiele. An der Universität von Santa Cruz arbeiten Forscher mit Unterstützung von The Long Now daran, neue Exemplare der seit 1914 ausgestorbenen Wandertaube zu züchten. Frühestens 2022 sollen die ersten genmanipulierten Küken schlüpfen. Unterdessen versuchen sich Harvard-Wissenschaftler mit Hilfe der Stiftung an der Wiederbelebung des Wollmammuts. Termin für den ersten Klonversuch: vielleicht schon 2018. Alexander Rose weiß, dass selbst das für die meisten Menschen ziemlich weit weg ist. Deswegen hat er einen Ort geschaffen, an dem The Long Now jederzeit präsent ist: die Bar The Interval.

Die kleine Bar in einem ehemaligen Militärkomplex im Hafen von San Francisco ist eine Mischung aus Bibliothek, Museum, Souvenirshop und Kuriositätenkabinett für Steam-Punks. Es ist Samstagabend. The Interval ist so gut besucht, dass die Kellner einen Einlassstopp verordnet haben. Wer es durch die Tür schafft, steht vor einem mechanischen Modell des Sonnensystems: ein Prototyp für den Uhrenbau in Texas. Genau wie das Glockenspiel, das sich unter einem langen Tisch verbirgt. Die Bücherregale mit den gesammelten Werken für den Wiederaufbau der Zivilisation reichen bis unter die Decke. Hinter den Regalen verstecken sich die Büroräume, die sich Alexander Rose mit den 20 Mitarbeitern der Stiftung teilt. Eine eiserne Wendeltreppe führt nach oben. Rose sitzt hinter seinem Schreibtisch. Zufrieden, weil der Laden brummt. „Es war nicht einfach, das Gremium von der Idee einer eigenen Bar zu überzeugen“, sagt er. Mit Gastrobetrieben lässt sich zu leicht Geld versenken. „Aber hier kann man sehen, woran wir arbeiten. Und Kaffee und Cocktails sind gut, um Gespräche über die Zukunft anzuregen.“ Wenn sich die Gäste an die alkoholfreien Getränke auf der Karte halten, können sie sich auch am nächsten Tag noch an das Gesagte erinnern. Vielleicht sogar noch länger.

Jessica Braun für Business Punk im Februar 2016

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