Nicolette Krebitz: „Ich habe mich nie so toll gefühlt, wie ich auf Bildern aussah“

Nicolette Krebitz

Die Schauspielerin Nicolette Krebitz © Siebbi/ipernity.com

In den Neunziger Jahren war die Schauspielerin Nicolette Krebitz das It-Girl der deutschen Szene. Heute ist sie 43 und bringt als Regisseurin einen neuen Film heraus. Hat sie ihre Rolle gefunden?

In Ihrem Kinofilm „Wild“ fängt die Hauptfigur Ania einen Wolf und sperrt ihn ihre Plattenbauwohnung. Der Wolf wird zahm, die junge Frau verwildert. Wofür steht diese Geschichte?

Der Film ist eine Unabhängigkeitserklärung. Und eine Aufforderung nicht so viel Angst davor zu haben, die Kontrolle zu verlieren. Wir haben schließlich immer die Möglichkeit, „Stop!“ zu sagen, wenn es zu weit geht. Für mich persönlich ist das eine wichtige Erkenntnis. Was soll schon passieren? Nichts ist schlimmer als dieses stumpfe Gefühl, das bleibt, wenn man seiner Sehnsucht nicht folgt.

Ania lebt ihre Sehnsucht, vor allem auch ihre sexuelle, nicht mit einem Mann aus, sondern mit diesem Wolf. Nicht einfach für den Zuschauer.

Die meisten Menschen müssen sich verstellen. Sei es ihrer Familie zuliebe, ihrem Beruf oder der gesellschaftlichen Normen wegen. Wilde Tiere müssen das nicht. Das fasziniert uns ja so sehr an ihnen: Sie sind triebhaft, instinktgesteuert, frei, unberechenbar. Alles Begriffe, mit denen wir auch Sexualität beschreiben. Ein angepasstes, zivilisiertes Leben macht es schwer, im Einklang mit der eigenen Triebhaftigkeit zu leben. Ein „normaler“ männlicher Gegenpart hätte nur wieder die üblichen Wünsche und Werte mitgebracht. Der Wolf fordert etwas anderes. Und das ist genau das, was Ania sucht und braucht.

Fällt es Ihnen selbst schwer, sich auszuprobieren, Dinge zu wagen?

Mit Kontrollverlusten kann ich nicht besonders gut umgehen. Für mich ist das der größte Horror. Dabei können Phasen, in denen es keine Sicherheiten gibt, sehr befreiend sein.

Wie kommen Sie mit solchen Phasen klar?

Ich finde es erstaunlich, wie gut ich mich dann doch in Situationen halte, die mir vorher Wahnsinnsangst gemacht haben. Am Ende sind es gerade diese Geschichten, die man gerne erzählt: weil man es geschafft hat.

Aus der Zeit, in der Sie ungefähr so alt waren wie Ihre Protagonisten, gibt es ein legendäres Foto von Ihnen: das Cover des New-Order-Albums „Get Ready“, fotografiert von Juergen Teller. Es zeigt Sie in Jeans und Schlabbershirt, wie Sie durch eine Kamera schauen. Sie galten damals als das IT-Girl schlechthin. Wer ist die Frau, die da durch die Kamera schaut?

Als das Bild entstand, hatte ich „Jeans“ gerade fertiggestellt, meine erste Regie, meine erste eigene Produktion. Für mich steht das Bild für eine Phase meines Lebens, in der ich mich vom Objekt zum Subjekt bewegt habe. Ich hatte angefangen, genauer auf die Welt um mich herum zu achten und wollte meinen Platz darin selbst definieren.

Warum war Ihnen das so wichtig?

Ich hatte das Gefühl, dass es mehr um meine Persönlichkeit ging, als um meine Arbeit. Ich wurde vorsichtiger, fing an, mich selbst zu zensieren, war nicht mehr so authentisch.

Für manche Frauen ist das eine Auszeichnung, als IT-Girl betrachtet zu werden.

Der Begriff heißt nicht mehr als „das Ding der Stunde“. Übersetzt: Das geht vorbei. Ich hatte vor, etwas länger zu bleiben.

Macht es Sie auch ein bisschen wehmütig, dass diese Zeit vorbei ist?

Natürlich. Das ist doch normal. Egal, ob Mann oder Frau: Wenn wir auf Jugendbilder gucken, schwingt immer Wehmut mit. Wegen der Jahre, die unwiederbringlich sind. Und weil es schön ist, so jung und kraftvoll zu sein. Leider konnte ich das damals nicht genießen. Ich habe mich nie so toll gefühlt wie ich auf Bildern aussah. Wie die meisten jungen Leute habe auch ich mich mehr auf meine Defizite konzentriert…

Hatten Sie als junge Frau einen Plan, wo sie mit Ihrem Leben, Ihrer Karriere hinwollen?

Ich bin in den Achtzigern groß geworden. Der Spirit dieser Zeit hat mich geprägt. Damals galt: Man muss reich werden.

Erwachsenwerden war gleichbedeutend mit Porsche fahren.

Für mich stand fest: Eines Tages werde ich viel Geld und ein Haus mit Pool haben. Mit Ende 20 wurden die Einschätzungen ein wenig realistischer. Ich stand vor der Frage: Welchen Weg willst Du gehen – und zu welchem Preis? Ich entschied mich dafür, meine eigenen Sachen zu machen und das hat erstmal bedeutet gegen den Weg des Geldes. Einen richtigen Plan gab es allerdings nicht. Nur eine ungefähre Richtung.

Ihre zweite Regiearbeit, „Das Herz ist ein dunkler Wald“, wird oft als Abrechnung mit untreuen Männern gesehen. Wird das dem Film gerecht?

Nein. Es geht um eine Frau, die herausfindet, dass ihr Mann ein Doppelleben führt, noch eine zweite Familie hat. Diese Erkenntnis, dass er das kann, nicht nur rein technisch, sondern auch gesellschaftlich, davon handelt der Film. Diese Erkenntnis fand ich damals skandalös und wollte meiner Empörung Ausdruck verleihen.

Warum bringen Kinder oft eine eigentlich gleichberechtigte Beziehung aus der Balance?

Weil von Frauen mehr Verantwortung erwartet wird.

Gleichzeitig bedeutet Kinder bekommen für viele Frauen, dass sie sich in die finanzielle Abhängigkeit von Männern begeben.

Das muss ja nicht so sein. Das Beste wäre, Männer und Frauen würden sich in allem abwechseln, im Kinderhüten und im Geld verdienen. Dann gäbe es keine Probleme.

Sie haben sich in früheren Interviews beklagt, dass man es als Mutter eines kleinen Kindes sehr schwer hat – es aber so verpönt sei, sich darüber zu beschweren.

Wenn ein männlicher Regisseur Vater wird, dann wird ihm erstmal eine Tatort-Regie angeboten. Weil er ja von nun an mehr Geld nach Hause bringen muss. Wenn eine Regisseurin ein Kind bekommt, heißt es: Die können wir jetzt erstmal vergessen. Das muss sich ändern! Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass Frauen nicht arbeiten. Dass es immer weniger Kinder gibt, weil Frauen sich nicht abhängig machen wollen. Wenn sich die Situation nicht von selbst bessert, dann brauchen wir eben eine Quote.

Haben die Männer es nicht auch viel schwerer als früher? Der Macho hat ja ebenso ausgedient wie der Softie oder der „Frauenversteher“.

Zum Glück gibt es immer mehr Väter, die ihren Söhnen eine andere Art Rollenverständnis vermitteln. Die vorleben, dass es nicht nur darum geht, den größten Bären zu erlegen. Sondern dass es genauso männlich ist, mal Zweifel zu haben oder schwach zu sein. Die meisten jungen Männer sind deswegen frei vom Chauvinismus früherer Generationen. Das stimmt mich sehr optimistisch.

Sie haben mal gesagt, dass Sie eher auf jüngere Männer stehen. Stimmt das noch?

Ich finde junge Männer aus dem gleichen Grund anziehend, aus dem Männer junge Frauen toll finden: Sie sind schön, lustig und in Liebesdingen noch nicht so ernüchtert. Aber ein erwachsener Mensch, der weiß, was er will und warum er mich schätzt und respektiert, ist auch toll.

Jessica Braun für Allegra 01/2016

 

 

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