Kennen wir uns? – Leben mit Prosopagnosie

Wer unter Prosopagnosie leidet, kann Gesichter nicht erinnern – oft nicht mal das eigene. unsplash.com/@lanejackmanphoto

Passiert jedem mal: Wir begegnen anderen Menschen und wissen nicht mehr, woher wir sie kennen. Tina Richter passiert das immer. Sie leidet an Prosogpagnosie und kann sich keine Gesichter merken. Nicht einmal die ihrer Familie.

Das Restaurant ist so gut besucht als wäre es das einzige in Wien. Am Fenster sitzt Tina Richter (Name geändert). Sie kommt oft zum Essen her. Aber wenn sie sich umschaut, sieht sie nicht ein vertrautes Gesicht. Selbst die Kellnerin, die gerade ein Glas Weißwein vor ihr absetzt: eine Fremde. Dabei hat diese erst vor 10 Minuten die Bestellung aufgenommen. Tina Richter irritiert das nicht: Sie hat Prosopagnosie. Sie kann Menschen nicht an deren Gesichtern erkennen. „Stellen Sie sich vor, alle Menschen um Sie herum hätten statt eines Gesichts ein Knie“, versucht sie zu erklären. Schön, charismatisch oder berühmt – das macht für die Wienerin mit den dunkelblonden Locken keinen Unterschied. Wenn sie jemanden ansieht, bleibt einfach nichts hängen. Würde Til Schweiger sie auf einen Drink einladen: Sie wüsste nicht, wer vor ihr steht.
WENN TINA RICHTER einen Menschen ansieht, nimmt sie Äußeres und Mimik wahr wie jeder andere auch. „Ich erkenne auch, ob jemand attraktiv ist oder traurig.“ Aber wenn sie den Kopf wegdreht, hat sie vergessen, wen sie gesehen hat. Prosopagnosie ist eine Teilleistungsschwäche des Gehirns. Der Begriff ist zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern Prosopon, dem Gesicht, und Agnosia, dem Nichterkennen. Wissenschaftler sind dem Phänomen noch nicht lange auf der Spur. Die ersten bekannten Fälle waren eine Folge von Hirnverletzungen. Dass es auch eine zweite, erbliche Form gibt, ist eine neue Erkenntnis. Was sie verursacht? Unbekannt. Zwei bis drei Prozent aller Menschen sollen betroffen sein. Oft ohne es zu wissen. In Deutschland wären das über zwei Millionen.
„Vergangenes Wochenende war ich mit meiner Tochter hier“, sagt Richter. „Am Nebentisch saß einer meiner Geschäftspartner. Ein wichtiger.“ Sie erkannte den Mann nicht. Er sie schon – unangenehm. „Ich muss mich noch entschuldigen.“ Als Unternehmensberaterin ist sie dauernd mit Menschen in Kontakt. Über 1000 Namen stehen in ihrem Adressbuch, täglich trifft sie Geschäftspartner und Kunden. Alle diese Menschen erwarten, dass Richter weiß, wer sie sind. Und sie weiß, dass das nicht geht. Manchmal sitzen in einen Konferenzraum acht Manager: etwa gleiches Alter, alle in dunklen Anzügen, mit kurzen Haaren und glattrasiert. „Die auseinanderhalten? Keine Chance.“

TINA RICHTER WEISS ERST seit 2003, dass ihre Gesichtsblindheit eine Störung ist. Vorher dachte sie, sie sei einfach zu unkonzentriert und versuchte es mit Eselsbrücken. Doch die halfen nicht. Dann las sie im Flugzeug zufällig einen Artikel über Prosopagnosie. Und ließ sich untersuchen. Die Diagnose war eine Erleichterung. Plötzlich gab es eine Erklärung für die vielen Fettnäpfchen, um die sie scheinbar nicht herumkam. Und für die Momente, in denen sie ihr Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe betrachtete und dachte: Verrückt, die Frau da trägt ja das gleiche Kleid wie ich! Denn auch an ihr eigenes Gesicht erinnert sie sich nicht. „Ich weiß, dass ich eckige Augenbrauen, grüne Augen und eine runde Nase habe“, sagt sie. „Aber es entsteht kein ganzes Bild.“ Für einen Moment ziehen sich ihre – wirklich eckigen – Augenbrauen zusammen. „Sich Gesichter nicht vorstellen zu können, ist traurig. Seit mein Vater tot ist versuche ich, mich an sein Gesicht zu erinnern. Aber es gelingt mir einfach nicht.“
Prosopagnosie ist nicht therapierbar, statt an Gesichtern müssen sich Betroffene ihr Leben lang an anderen Merkmalen orientieren: Haltung, Gang, Körperspannung, oder auch Hautton und Stimme. Wenn Tina Richter ihre beste Freundin beschreibt, fallen ihr zunächst deren „schwarze Wuschellocken“ ein. Und die Haut: „Sie ist ganz weiß.“ Aber eben kein Gesicht.
Natürlich beeinflusst das auch die Partnerwahl: „Ich mag Männer, die herausstechen“, sagt sie. Ihr Mann, von dem sie getrennt lebt, sei der größte ihrer Kollegen gewesen. „Und mein neuer Freund hat sehr breite Züge“. Sie zieht mit den Händen ihre Augen und Wangen auseinander. Eines hätten aber alle Partner gemeinsam: „Einen ganz eigenen Gang: Der erste zog unmerklich die linke Schulter hoch. Der andere schlurfte so lustig. Mein Mann reckt sein Kinn leicht nach oben.“ Während sie spricht, wechselt sie blitzschnell die Posen. Die Gesichter ihrer Expartner mag sie vergessen haben. An deren Haltung erinnert sie sich präzise.
Menschen, die sie nur unregelmäßig sieht – zum Beispiel die Lehrer ihrer Töchter, fallen leichter durchs Raster. Da hilft nur Smalltalk. „Darin bin ich Meisterin.“ Ihr Trick: neutral bleiben, das Du und Sie umschiffen, schnell Informationen sammeln. „Wo haben wir uns zuletzt gesehen?“ oder „Bei dem Wetter kann man ja froh sein, wenn man es nicht so weit nach Hause hat.“ So verschafft sie sich Zeit, um Menschen einordnen zu können. Das Leben mit der Störung ist Detektivarbeit – und Tina Richter aufmerksam wie ein Profiler. Was die Unternehmensberaterin besonders gut kann: Emotionen in Gesichtern lesen. So merkt sie im Gespräch, ob sie auf der richtigen Fährte ist. Was sie nicht gut kann: verstehen, warum es andere brüskiert, wenn sie über deren „0815-Gesichter“ spricht. Dafür, dass ihre Mitmenschen als einzigartig wahrgenommen werden wollen, hat Tina Richter keinen Sinn.

MITTAGESSEN BEI Familie Richter im Bezirk Währing. Tina Richter wohnt mit ihrer 17-jährigen Tochter Hanna in einem Mehrfamilienhaus. Die 19-jährige Lena studiert, kommt aber oft zu Besuch. Sie deckt gerade den Tisch. In der Küche steht Oma Annemarie am Herd und rührt im Risotto. Prosopagnosie wird mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit vererbt. Tina Richter hat die Schwäche nur an ihre Tochter Hanna vererbt. An Lena nicht.
Hanna hatte schon als Kleinkind null Interesse an Gesichtern. Wenn sie Menschen malte, ließ sie die Augen oder auch das ganze Gesicht weg. Suchte keinen Augenkontakt, wenn man mit ihr sprach. „Vor meiner Diagnose hatte ich schon befürchtet, sie wäre autistisch.“ Die Mutter trainierte mit der Tochter das Anschauen – „immer auf die Nasenwurzel“ – und das Wiedererkennen: besser auf die Ohren achten als auf Kleider. Ohren kann man nicht wechseln. Vor der Einschulung organisierte die Klassenlehrerin Fotos aller Kinder, damit das Mädchen üben konnte. „Mich beschäftigt das heute kaum“, sagt Hanna. Menschen an Haltung oder Stimme zu erkennen, sei für sie selbstverständlich geworden. Nur eine Sache findet sie „gruselig“: „Dass ich mir mein eigenes Gesicht auch nicht vorstellen kann.“
„Ich glaube, für Hanna spielt die Diagnose schon eine Rolle“, sagt dagegen die Mutter. Während sie und Lena gerne auf Menschen zugehen, ist Hanna eher still. Die Störung kann das noch verstärken: Freunde sind sauer, weil sie nicht wiedererkannt werden. Lehrer meckern, weil man auf der Straße nicht grüßt. Prosogpagnostiker, die nicht wissen, was mit ihnen los ist, verschanzen sich. Meiden den Kontakt mit anderen. Hanna nicht. Sie kennt ihre Schwäche und hängt viel mit ihrer Clique rum. Sie geht sogar auf Festivals – ohne Angst, ihre Freunde in der Menge nicht wiederzufinden.
WENN DIE FRAUEN zu dritt fernsehen, muss Lena, die Ältere, manchmal die Handlung erklären. „Mama und Hanna können die Schauspieler nicht auseinanderhalten, wenn diese sich zu ähnlich sehen“, sagt sie. Zum Beispiel bei Krimiserien wie CSI, in denen alle gleich attraktiv sind und ständig neue Protagonisten dazu kommen. Auch wenn beim gemeinsamen Shoppen plötzlich ein Bekannter vor ihnen steht, moderiert Lena diesen an. Sogar sie selbst ist schon mal durchs Raster gerutscht. „Als Du Dir die Haare schwarz gefärbt hattest“, erinnert sich die Mutter. Da standen sich die beiden auf einer Geburtstagsparty gegenüber und Tina Richter schüttelte der Tochter freundlich die Hand – bis das Erkennen einsetzte. Eine Ausnahme, räumt Lena ein. Sie ist stolz auf ihre Mutter: „Ich finde es beeindruckend, wie sie sich durchboxt. Besonders auf den großen Events.“
EINMAL IM JAHR organisiert Tina Richter einen Wiener Branchentreff. Bis zu 300 Gäste kommen – und sie begrüßt alle persönlich an der Tür. „Das lasse ich mir nicht nehmen“, sagt sie. Angst, dass sie das Gesicht verlieren könnte? „Klar bin ich davor nervös. Aber ich mag mich nicht verstecken.“ Was sie auch nicht mag: Ihre Prosopagnosie zu thematisieren. Die Reaktionen sind ihr unangenehm. „Manche schauen mich an als würde mir ein drittes Ohr wachsen.“ Außerdem seien die Fragen immer die gleichen. Lieber riskiert sie es, einem Kunden zweimal die Hand zu schütteln oder einen Geschäftspartner zu übersehen. Tina Richter weiß, dass Menschen sich ärgern, wenn man sie ignoriert. Aber warum es verletzend ist, wird sie nie verstehen: Wenn ein Bekannter sie nicht grüßt, merkt sie es schließlich nicht.

Jessica Braun für BARBARA, 12/2016

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