Volle Cloudstärke – Was Berliner Start-ups antreibt

17 Prozent aller deutschen Start-ups werden in Berlin gegründet. unsplash.com/@sapegin

Berlin hat sich zu einer europäischen Tech-Metropole entwickelt und könnte bald schon London überholen – vier Macher erklären den Start-up-Boom.

Es ist der Tag nach dem Brexit. Wie jeden Morgen greift Hessam Lavi als Erstes zum Smartphone, um den Traffic von Jobspotting zu checken. Lavi ist CEO und Co-Gründer des Onlinedienstes für personalisierte Stellenangebote – und an diesem Freitag gehen die Zugriffszahlen durch die Decke. Der Grund: Hunderttausende britische Nutzer suchen plötzlich einen Job in Berlin.

Die Start-up-Szene in Großbritannien ist nicht die einzige, die Berlin ins Visier genommen hat. Die deutsche Hauptstadt hat sich zu einer der weltweit führenden Metropolen im Digitalbereich entwickelt. Schon bald könnte die Stadt an der Spree London, Paris und Stockholm abhängen. Was dafür spricht: 2014 und 2015 floss mehr Venture Capital hierher als in jede andere europäische Hauptstadt. 2,1 Milliarden Euro sammelten Berliner Start-ups 2015 ein, mehr als die Konkurrenz in London – und das, obwohl dort die Banken und großen Hedgefonds sitzen. Der Brexit könnte den Abstand noch vergrößern. Im Januar 2017 kündigte das einflussreiche Blog TechCrunch an, die Internetkonferenz Disrupt nach Berlin zu verlegen. „Momentan kann niemand sagen, was der Brexit für die Londoner Start-up-Szene bedeutet“, begründete das US-Portal den Umzug. Eine Chance für Berliner Gründer: Auf dem startup battlefield, dem Pitch-Wettbewerb der Konferenz, regnete es für die 623 Start-ups 6,6 Milliarden Dollar Kapital.

Das Silicon Valley glaubt an Berlin. Das zeigt auch die Idee von Google, einen Campus in Berlin zu eröffnen. Mit kostenlosen Workshops und Trainings will Google „das Gründen für jeden möglich machen“, sagt Bridgette Beam, Head of Global Programs & Operations. Weltweit sind die Kalifornier in sechs Städten als Förderer aktiv. Nun will man das Kreuzberger Umspannwerk als Standort etablieren. „Wir möchten die Innovationskraft Berlins unterstützen und verstärken.“

Über einen so einflussreichen Unterstützer hätte sich der junge Oliver Samwer wohl gefreut. Der Chef von Rocket Internet empfängt im 16. Stock der neuen Firmenzentrale, einem Hochhaus mit auffälligen roten Jalousien im Berliner Zeitungsviertel. Am nahen Checkpoint Charlie drängen sich die Touristen mit ihren Selfie-Sticks. In Sichtweite: das Axel-Springer- Haus, eines der größten Verlagshäuser Europas und der Axel Springer Plug & Play Accelerator. Als Samwer 1999 mit seinen Brüdern „direkt aus dem Silicon Valley nach Berlin“ kam, war die Stadt ökonomisches Ödland. Die Jubelstimmung der Wendetage? Abgekühlt. Von 1995 bis 2004 sank die Zahl der Arbeitsplätze kontinuierlich. Der Multimillionär, der sein Lächeln sparsam einsetzt, sitzt am breiten Konferenztisch mit Panoramablick auf die Lichter der Stadt. „Es war ein hartes Pflaster“, erinnert er sich. Aber: „In anderen deutschen Städten hätten wir uns nicht derart entwickeln können.“ Viele etablierte Unternehmen wussten mit Berlin nichts anzufangen. „Anders als in Frankfurt und München gab es hier niemanden, der uns die guten Mitarbeiter streitig gemacht hätte. Berlin war liberal, günstig und irgendwie hip. Damit konnten wir auch Talente aus dem Ausland locken.“ Über der Teppich-Domäne, einem Ramschladen in einem Kreuzberger Hinterhof, gründeten die Samwers mit ihren Partnern 1999 das Online-Auktionshaus Zalando. Das Geschäftsmodell war kopiert, erfüllte aber seinen Zweck. Nur drei Monate später verkauften die Gründer an Ebay. „Unsere erste Erfolgsstory“, sagt Samwer. Und die ließ sich vervielfachen. Heute ist Rocket Internet auch in Brasilien, Australien, Japan und den Vereinigten Arabischen Emiraten vertreten.

Durch die Fenster der Rocket-Zentrale betrachtet sieht Berlin sehr klein aus. Der Tech-Boom der Stadt baut auch auf dem Erfolg der Samwers auf. Bis heute hat Rocket Internet weltweit über 36000 Arbeitsplätze geschaffen. Zusätzlicher Schwung kommt durch die Neugründungen, die aus dem Imperium hervorgehen. „Viele unserer Mitarbeiter wollen irgendwann selbst gründen“, sagt Samwer. „Aus jeder Firma entstehen zwei neue.“ Ein Schneeball-Effekt. Zählte das Institut für Strategieentwicklung 2012 noch 270 Start-ups in Berlin – viele davon Samwer-Satelliten –, waren es drei Jahre später schon 620 Firmen. Das macht Berlins Internetindustrie zum fünftgrößten Arbeitgeber der Stadt. Schon 2018, so eine Schätzung des IFSE, könnte sie der wichtigste sein.

Nährboden für dieses Wachstum: Orte wie die Factory. In dem historischen Brauereigebäude auf dem ehemaligen Mauer- streifen trifft Old auf New Economy – und vielleicht den Samwer von morgen. Wird der Hacker mit dem rosa-blonden Undercut verändern, wie Menschen in Zukunft reisen? Die Programmiererin mit Mom-Jeans und Hornbrille den globalen Geldtransfer revolutionieren? Auf über 16000 Quadratmetern haben sie zumindest die Arbeitsplätze, die zu ihren Bedürfnissen passen: akustisch abgeschirmte Kabinen, Stehtische, einen abgedunkelten Nap Room, Tischtennisplatten. Udo Schloemer hat diesen Ort geschaffen. Der schwäbische Immobiliennehmer, ein bärtiger, gutgelaunter Macher, blickt mit fast väterlichem Stolz auf die Meute, die seine Factory bevölkert. Seit 2008 engagiert sich Schloemer als Business Angel. 2011 beschloss er „die Szene zu vernetzen“ – mit New Economy-Größen wie Uber und Sound-Cloud, aber auch mit deutschen Mittelständlern und Konzernen. „Wir wollten den Corporates zeigen, dass Revolutionen nicht nur im Silicon Valley beginnen“, sagt Schloemer. Gar nicht so einfach. „In den Konzernspitzen waren manche Manager anfangs noch zu arrogant, um das Potenzial der Berliner Start-ups zu sehen.“ Die Factory organisiert Events und Programmier-Marathons. Immer wieder kommen auch Politiker vorbei, um ihr Interesse an der Digitalwirtschaft zu bekunden. Der Senat habe es in der Hand, aus dem Berlin-Hype etwas zu machen, sagt Schloemer. So wie zu Zeiten von Klaus Wowereit. Damals habe die Stadt ihre Gründer bestmöglich unterstützt, erinnert sich Oliver Samwer. „Nicht finanziell, aber es herrschte der richtige Spirit, und das war für uns genug.“ Schloemer lobt, dass Wowereit im Ausland konsequent für seine Stadt warb. Zwischen 2012 und 2014 wurden 135000 Neuberliner registriert. Die Leute kamen zum Feiern im Berghain und blieben, um zu gründen, sagt der Factory-Chef: „Frankfurt oder Stuttgart gerieren sich gerne als Tech-Hubs. Aber sie haben weder die Clubs noch die Kultur.“ Dass der bei DJs beliebte Musikdienst Sound-Cloud in Berlin durchstartete: kein Zufall. Auch die 360-Grad-Video-App Splash, die 2016 zweieinhalb Millionen Dollar einsammelte, ist typisch Berlin: Der Israeli Michael Ronen, einer der Entwickler, arbeitete als Regisseur am Gorki- Theater, bevor er in die Digitalbranche wechselte. In Berlins Kulturszene steckt viel Potential.

Offen und multikulturell, günstig und ein bisschen durchgeknallt: Die deutsche Hauptstadt bietet viel Platz, um Ideen umzusetzen. Die Mieten sind um bis zu 70 Prozent niedriger als in London. Selbst der Kaffee, auf den man sich mit potenziellen Partnern trifft, kostet im Schnitt nur die Hälfte. Und anders als in Paris, wird Englisch fast überall verstanden. Schon heute beschäftigen Berliner Start-ups fast genauso viele ausländische wie deutsche Mitarbeiter. Der besondere „Vibe“ der Hauptstadt schaffe optimale Bedingungen, sagt auch Googles Bridgette Beam: „Er zieht kluge Köpfe aus der ganzen Welt an und das schafft Diversität: innovative Produkte wie unu, ein E-Roller, der die Mobilität in der Stadt revolutioniert. Firmen wie Hackerbay, die dank ihres Netzwerks nur Minuten benötigen, um neue Apps zu entwerfen. Oder eine App wie Clue, die Big Data einsetzt, damit Frauen auf der ganzen Welt Einblick in ihren Zyklus bekommen.“ Google gehörte zu den 127 Tech-Firmen, die sich kürzlich gegen die restriktive Einwanderungs- und Visa-Politik der neuen US-Regierung aussprachen. Wenn Mitarbeiter aufgrund ihrer Herkunft nicht reisen, Talente nur noch aus dem Inland rekrutiert werden können, wird es für global agierende Unternehmen eng.

Auch in London fürchten Firmen seit dem Brexit-Votum, ihre Mitarbeiter könnten nach Berlin abwandern. Eine berechtigte Angst, wie der Boom von britischen Anfragen bei Jobspotting beweist. Das Start-up hat seine vollverglasten Büros im WeWork, einem Coworking-Space mit Blick auf die Einkaufsstraßen in Mitte. Hessam Lavi sitzt entspannt am großen Küchentresen, den sich die WeWork-Mieter teilen. „Unsere Server liefen damals heiß“, erinnert sich der Gründer kopfschüttelnd. „Wenn ich in London leben würde, hätte ich wohl auch Zukunftsangst“, sagt der in Schweden aufgewachsene Iraner.

Während der Brexit Unsicherheit erzeugt, steht Deutschland für Stabilität. Der Berliner Senat nutzte die Gelegenheit, um bei Londoner Firmen für einen Umzug zu werben. Sechs sollen zugesagt haben, 40 weitere im Gespräch sein. Für den großen englischen Exodus fehle jedoch ein wichtiger Anreiz: Geld. „Damit Tech-Firmen wachsen können, brauchen sie Langzeitinvestoren“, sagt Lavi. Er spricht aus Erfahrung. Jobspotting wurde im Januar von einer Firma für Recruiting-Software aus dem Silicon Valley gekauft. Auch das ist typisch für die Boomstadt Berlin: Für Finanzierungsrunden mit mehr als zehn Millionen Euro Volumen fehlen häufig einheimische Investoren. So wurde das Vorzeige-Start-up 6Wunderkinder von Microsoft gekauft und die Reservierungsplattform Quandoo ging an das japanische Unternehmen Recruit Holdings. „Alle Top- Firmen, die wir hier haben, werden aus dem Ausland finanziert. Das ist doch traurig“, sagt Udo Schloemer. Oliver Samwer teilt seine Meinung: „Um heute ein Start-up gut aufzustellen und dann auch international groß zu machen, braucht man Millionenbeträge. Das ist für alle europäischen Ökosysteme ein Problem: Die großen Fonds sitzen noch immer in den USA.“ Weil das Kapital fehlt, müssen Gründer oft schon in der Frühphase verkaufen – und die Old Economy greift zu. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young waren im letzten Jahr 72 Prozent der Start-up-Käufer in Deutschland etablierte Unternehmen. Die holen sich so digitales Know-how ins Haus. Oder züchten es mit eigenen Programmen wie Bayers Grants4Apps, dem DB Accelerator oder dem hub:raum der Telekom heran.

Der Lufthansa Innovation Hub, ein weiterer wichtiger Inkubator, befindet sich in einem Altbaudachgeschoss in Mitte. Draußen: Burgerläden und Boutiquen. Drinnen: das Kranichlogo als Neonröhrenskulptur und ausgebaute Flugzeugsitze. Seit 2014 entstehen hier Services und Produkte, „die Lufthansa helfen sollen, das Reisen von morgen besser zu machen“, wie Sebastian Herzog sagt. Wäre das nicht auch in der Firmenzentrale am Frankfurter Flughafen möglich gewesen? Nein, sagt der vollbärtige, smarte Strategiechef des Hubs. Man wollte Zugang zu Gründertalent, Entwicklern und Wagniskapital. „Am Ende geht es für ein am deutschen Markt dominantes Unternehmen wie die Lufthansa auch um die richtige Mischung aus Nähe zur Gründerszene und Anbindung an das Headquarter. Berlin hat uns dabei in allen Punkten überzeugt.“ Sechs Prototypen wurden aufgesetzt, drei weiterentwickelt, 13 000 Testkunden erreicht. Der Berlin-Hype stößt so auch in Frankfurt Prozesse an. Wie kann die deutsche Hauptstadt zur Tech-Hauptstadt Europas werden? Herzog, zweifacher Vater, überlegt nicht lange: „Investitionen in die Schulen: Kinder sollten Programmieren lernen, damit sie verstehen, wie ihre immer technischer werdende vernetzte Welt funktioniert. Und die Verwaltung müsste digitalisiert werden, egal ob es um Vergabe von Kita-Plätzen oder Gründungen geht. In London beispielsweise kann man für unter 50 Pfund ein Unternehmen gründen und online registrieren.“ Hessam Lavi schlägt in die gleiche Kerbe: „Behördengänge, die in Berlin Zeit und Geld kosten, lassen sich in London oder Stockholm längst online erledigen.“ Und Oliver Samwer? Der wünscht sich einen Tech-Hub am Flughafen Tegel. „Damit Berlin richtig wachsen kann, müsste der Senat Industriepolitik betreiben. Entsprechende Anreize schaffen. In Tegel könnte ein riesiger Technologiepark entstehen, mit Platz für viele große Internetunternehmen und Start-ups. So wie der Facebook Campus im Silicon Valley.“ Um Berliner Start-ups finanziell Flügel zu verleihen, hat sich der einstige Gründer schon mal selbst um das in der Stadt fehlende Venture Kapital gekümmert. Eine Milliarde Dollar hat Samwer für seinen Internet Capital Partners Fonds eingesammelt. Vom Start-up über dem Teppichladen im Hinterhof zum größten europäischen Internet-Fonds: Dit is och Berlin.

Jessica Braun für LH Exclusive 05/17

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s