„Rache, Liebe, Ehrerbietung“ – Ein Gespräch über Kannibalismus

Hat nach dem Sex oft Hunger: die Gottesanbeterin unsplash.com/@rosiekerr

Was sind die Gründe für Kannibalismus? Und gab es den auch in Europa? Fragen an den Biologen Bill Schutt, der ein Buch über das Phänomen im Tierreich und beim Menschen geschrieben hat.

DIE ZEIT: Herr Schutt, kauen Sie Fingernägel?

Bill Schutt: Ja. Aber ich spucke sie aus (lacht). Das betrachte ich noch nicht als Kannibalismus.

ZEIT: Wo fängt Kannibalismus denn an?

Schutt: Wenn ein Individuum einen Körperteil oder den kompletten Körper eines Artgenossen isst. Den Austausch bestimmter Körperflüssigkeiten könnte man theoretisch dazuzählen. Dann fiele aber auch ein intensiver Kuss darunter, und den als Kannibalismus zu bezeichnen wäre absurd.

ZEIT: Woran man normalerweise denkt, sind Beine in der Tiefkühltruhe und um sich schnappende Wahnsinnige. Das ist eher Stoff für Horrorfilme als für Biologiebücher. Was hat Sie als Zoologen an diesem Thema fasziniert?

Schutt: Mein Fachgebiet sind Vampirfledermäuse. Blutsaugenden Lebewesen stehen viele Menschen jedoch mit Abscheu gegenüber. Oft sind irrige Annahmen und Mythen daran schuld. In meinem ersten Buch Dark Banquet – „Dunkles Bankett“ – ging es deswegen um Blutsauger. Ich wollte das Thema behandeln, ohne gleich eine große Splatterparty daraus zu machen. Der Kannibalismus als nächstes Gebiet erschien mir naheliegend. Auch der gilt als schockierend und grotesk. Dabei ist er aus Sicht eines Biologen völlig normal.

ZEIT: Wie normal kann das Verspeisen von Angehörigen der eigenen Spezies denn sein?

Schutt: Im Tierreich ist Kannibalismus ein verbreitetes Phänomen – deswegen trägt mein Buch ja auch den Untertitel „Eine total normale Naturgeschichte“. Kannibalismus gibt es in etlichen Spezies. Bis vor etwa 20 Jahren waren jedoch selbst viele Wissenschaftler überzeugt, dass nur ein paar bizarre Geschöpfe wie Gottesanbeterinnen oder Schwarze Witwen ihre Artgenossen verspeisen. Oder dass Hunger und Gefangenschaft dafür verantwortlich sind, wenn Tiere ihre Verwandten fressen.

ZEIT: Warum ist Kannibalismus im Tierreich so weitverbreitet?

Schutt: Weil er Vorteile bringen kann. Kannibalismus kann ein Ausdruck elterlicher Fürsorge sein, eine Fortpflanzungsstrategie oder eine Absicherung gegen schwierige Umweltbedingungen.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Schutt: Eines meiner liebsten ist die Ringelwühle, eine in Südamerika heimische Amphibie ohne Beine. Nachdem der Nachwuchs geschlüpft ist, schlängelt er sich um die Mutter. Wissenschaftler fanden heraus, dass die kleinen Ringelwühlen nicht nur Nähe suchen: Sie beißen in die Haut der Mutter und ziehen ihr diese ab wie eine Orangenschale.

ZEIT: Warum?

Schutt: Die Haut der Mutter steckt voller Fett und anderer Nährstoffe und erneuert sich sehr schnell. Die Jungen zehren wochenlang davon.

ZEIT: In Ihrem Buch heißt es, Kannibalismus komme bei mehr als 1.500 Spezies vor, Anthropophagusphobie – die Angst vor Kannibalen – aber nur bei einer. Seit wann hat der Mensch diese Angst?

Schutt: In der westlichen Welt ist Kannibalismus schon sehr lange mit einem Tabu belegt – vermutlich seit der griechischen Antike. Liest man die Schriften von Homer und Herodot, wird deutlich, dass die Griechen den Kannibalismus ablehnten – nur weniger „zivilisierte“ Völker seien zu etwas derart Fürchterlichem fähig. Die Römer übernahmen diese Haltung. Später trugen einflussreiche Autoren wie William Shakespeare im 16. Jahrhundert, Daniel Defoe im 17. Jahrhundert oder die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert mit ihren Werken dazu bei, die gesellschaftliche Ablehnung aufrechtzuerhalten. Kannibalismus ist das ultimative Tabu, ein Lehrstück über Sitte und Moral. Der Stoff, mit dem man Kinder erschreckt und sich von anderen abgrenzt.

ZEIT: Zum Beispiel mit dem Klischee des Missionars, der auf einer weit entfernten Insel im Kochtopf landet …

Schutt: Im Zeitalter des Kolonialismus wurden mit solchen Beschreibungen die Ausbeutung und Unterwerfung anderer Völker gerechtfertigt. Ein Kannibale war nach damaligen Maßstäben kein Mensch – man konnte mit ihm verfahren, wie man wollte. Wann immer eine karibische Insel in den Fokus der Eroberer rückte, wurden dort plötzlich auch Fälle von Kannibalismus beschrieben. Manche mögen wahr gewesen sein. Für die Seefahrer zählte jedoch nur, dass sie mit den Einheimischen nach Belieben umspringen konnten.

Bill Schutt
Dunkles Interesse: Der Biologe Bill Schutt arbeitet als Wirbeltier-Experte am New Yorker American Museum of Natural History. Früher schrieb er über Blutsauger. Sein jüngstes Buch heißt Cannibalism: A Perfectly Natural History (ca. 25 Euro)

ZEIT: Sie schreiben, dass die indigene Bevölkerung der Karibik ausgelöscht wurde – und der Kannibalismus dort, sollte es ihn gegeben haben, mit ihr. In anderen Teilen der Welt hielt er sich bis ins 20. Jahrhundert. Warum?

Schutt: In Kulturkreisen, die mit unserem westlichen Tabu nicht in Berührung kamen, entwickelte sich ein eigener und oft sehr anderer Umgang mit dem Thema. So kann Kannibalismus ein Ausdruck von Rache, Liebe oder Ehrerbietung sein. Im China der Tang-Dynastie wurde die kindliche Pietät, der Respekt vor den Eltern und Ahnen, so hochgehalten, dass sich junge Familienmitglieder Fleisch aus dem Arm oder der Hüfte schnitten, um es für ältere Verwandte zuzubereiten. Menschenfleisch galt als gesundheitsfördernd. Bei Völkern wie den Fore in Papua-Neuguinea war es bis ins 20. Jahrhundert üblich, die Toten ganz oder teilweise aufzuessen, weil der Gedanke, einen geliebten Menschen in der Erde verrotten zu lassen, zu schrecklich war. Der zunehmende Einfluss der westlichen Kultur hat jedoch dazu geführt, dass solche Rituale fast vollständig der Vergangenheit angehören.

ZEIT: Gibt es wissenschaftliche Gründe, Menschen nicht zu verspeisen?

Schutt: Ja, zum Beispiel aus evolutionärer Sicht. Wenn ich meine Verwandten esse, reduziere ich die Verbreitung meiner Gene und damit die Chance, dass diese weitergegeben werden. Biologen sprechen von der Gesamteignung oder der inclusive fitness, die sich verringere. Und ich riskiere, mich mit übertragbaren, unheilbaren und tödlichen Krankheiten anzustecken – etwa mit Kuru oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die das Gehirngewebe verändern.

ZEIT: Trotzdem verleibten sich, wie Sie schreiben, auch die Europäer sehr lange ihre Mitmenschen ein.

Schutt: Das hat auch mich bei der Recherche überrascht. Trotz des dort vorherrschenden Tabus war Kannibalismus in Europa über Jahrhunderte alltäglich. Im Mittelalter, in der Renaissance und selbst noch im 20. Jahrhundert war es üblich, Körperteile und -flüssigkeiten zu medizinischen Zwecken zu konsumieren. Blut, Fett, Innereien oder Knochenmehl galten als heilsam und wurden zu Tinkturen und Tränken verarbeitet.

ZEIT: Wie weit verbreitet war dieser medizinische Kannibalismus?

Schutt: Erstaunlich weit verbreitet. Er zog sich durch alle Gesellschaftsschichten. Für nahezu jede Krankheit schien er eine wirksame Heilmethode zu sein. Im Mittelalter standen zum Beispiel Epileptiker bei Hinrichtungen mit Bechern Schlange, weil man glaubte, dass menschliches Blut gegen die Anfälle hilft. Und ein Darmstädter Pharmahersteller hatte noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Mumia im Programm, das äußerlich zum Beispiel bei Prellungen und innerlich gegen Magenverstimmungen angewendet wurde.

ZEIT: Was ist Mumia?

Schutt: Eine Substanz aus zermahlenen Mumien.

ZEIT: Na Mahlzeit!

Schutt: Verrückt ist, dass die Annahme, Mumien zu konsumieren sei gesund, sehr wahrscheinlich auf einem Übersetzungsfehler basiert. Im arabischen Raum war Mumia eine Substanz auf Petroleumbasis, die zur Wundversiegelung eingesetzt wurde. Die Europäer dachten, es handle sich bei dem beschriebenen Material um Mumienkonzentrat. Sie gruben Mumien aus und brachten sie in die Heimat – nicht um sie im Museum auszustellen, sondern um sie zu Medizin zu verarbeiten.

ZEIT: Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht Belege dafür, dass der Verzehr von menschlichem Blut, menschlichen Knochen oder Innereien eine heilsame Wirkung hat?

Schutt: Nicht dass ich wüsste – was aber Leute, die daran glauben, nicht bremst. Eine weitgehend akzeptierte Form des medizinischen Kannibalismus ist das Essen der Plazenta. Es heißt, dass dies Mütter vor einer Wochenbettdepression schütze, weil sie die Hormonschwankungen abmildere. Diese Wirkung ist aber nicht bewiesen, es ist eher gefährlich: Untersuchungen zufolge kann die Plazenta zum Beispiel mit Herpes infizierte Zellen enthalten.

ZEIT: Was Sie nicht vom Probieren abgehalten hat.

Schutt: Während meiner Recherche lernte ich eine Frau kennen, die Mutterkuchen für andere Frauen aufbereitet, zum Beispiel in Tablettenform. Sie hatte noch etwas von ihrem eigenen im Gefrierfach und lud mich zum Essen ein. Meine Neugier siegte.

ZEIT: Hat es Ihnen geschmeckt?

Schutt: Überraschend gut. Der Ehemann ist Koch. Er schmorte das Gewebe. Es hatte eine feine Rotweinnote. Er versicherte mir, er verwende ausschließlich Bio-Zutaten. Das hat mich sehr beruhigt: Wer würde seine Plazenta schon mit Tiefkühlgemüse aus dem Discounter essen wollen?

Jessica Braun für DIE ZEIT Nr. 32/2017

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